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Kurzbiographie Rainer Fest

Er wurde 1953 in Berlin geboren und  ist ein deutscher Bildhauer.
Nach seinem Abitur studierte Rainer Fest Kunst. Ab 1975 bis 1981 war er an der Kunstgewerbeschule Jurva in Finnland. Anschließend studierte er in Bremen Bildhauerei bei Professor Altenstein.  Nach seinem Abschluss als dipl. Bildhauer 1987 studierte er für ein Jahr an der Academiea des Bellas Artes in Madrid.


Skulptur Interior Space – Silent Place
Skulptur Interior Space – Silent Place

Raum der Stille

Peter Deuflhard


Rede zur Einweihung der Steinskulptur1
Interior Space
von Rainer Fest


Meine Damen und Herren,

heute weihen wir eine Skulptur ein, für die ich gerne mitverantwortlich zeichne. Sie wurde von Rainer Fest im Wettbewerb ursprünglich unter dem erweiterten Titel

Interior Space – Silent Place


eingereicht, eine Variante, die mir durchaus wichtig ist.

Im Vorfeld der Auswahl des Projektes ’Kunst am Bau’ für den Neubau des ZIB hatte die Senatsbauverwaltung fünf Künstler und eine Künstlerin zu einem Wettbewerb eingeladen, von denen bekannt war, dass sie in kurzer Zeit überzeugende Entwürfe aufstellen konnten. Zielvorgabe war, eine Skulptur für das Rondell des ZIB-Rundbaus zu schaffen.

In dieser Phase fiel mir die Rolle zu, den Künstlern eine Vorstellung des ZIB zu vermitteln. Ich entschied mich, im wesentlichen nur Assoziationen lose aneinanderzureihen, die mir wichtig und eventuell “künstlerisch verwertbar” erschienen. Insbesondere habe ich darauf hingewiesen, dass sich die Entwürfe nicht auf den großen Computer fixieren sollten, sondern auf die wissenschaftliche Leistung, die in diesem Neubau in Zukunft erbracht werden sollte. Das ZIB als “Denkfabrik” sei nicht zu verstehen als eine Fabrik, in der schon fertig geplante Stücke zusammengebaut würden. Vielmehr sei das ZIB gegründet worden, um wirkliche Innovationen in Mathematik und Informationstechnik zu schaffen. Innovationen entstehen jedoch nicht einfach dadurch, dass man eine Gruppe von intelligenten Leuten in einem Bau zusammensetzt, sondern dadurch, dass Individuen sich in ihr “stilles Kämmerlein” zurückziehen, die “schöpferische Stille” aushalten, aus ihrem Innersten das “Neue” hervorholen und es mit handwerklicher Präzision schließlich reale Gestalt werden lassen.

Auch die Idee eines an angelsächsischen Vorbildern orientierten Campus zwischen ZIB und Informatik-Institut hatte ich erwähnt: die Komposition zusammen mit dem noch recht neuen Bau der Informatik, die beiden vom Campus nicht einsehbaren glasüberdachten Innenhöfe, einer mit einem Zen-Stein, einer mit einer Keramik-Statue, die den Zerfall einer Form darstellt.

Der Künstler Rainer Fest hat meine Ausführungen im tiefsten Inneren aufgenommen und ebenso kreativ wie kompromisslos umgesetzt. Als Erstes platzierte er seine Skulptur nicht ins Rondell, sondern setzte sie in die Mitte der Campuswiese zwischen ZIB und Informatik-Institut. Das war durchaus gewagt, weil natürlich prompt von einzelnen Mitgliedern der Jury angemahnt wurde, der Entwurf erfülle nicht die Vorgabe. Als eines der fünf Mitglieder der Jury habe ich in mehreren Stunden Sitzung für diesen Entwurf gekämpft. Zunächst stand ich alleine, am Ende aber erhielt der Entwurf den Zuschlag – mit der denkbar knappen Mehrheit von 3:2 Stimmen.

Allerdings musste ich eine Idee opfern, die ich mit diesem Entwurf spontan verbunden hatte: An die blankpolierte Seite im Innern des Steins wollte ich Zuses stenographischen Tagebucheintrag vom 30.6.1937 einätzen lassen: “Die Elementaroperation heißt: Vergleich zweier Sekundalziffern auf Gleichheit. Resultat ist zweifach variabel, also ebenfalls eine Sekundalziffer.” Für die Nichtfachleute sei angemerkt, dass Zuses Sekundalziffern heute Binärziffern heißen. Mit diesem Satz hatte Zuse die Rekursivität formuliert, die den simultanen Zugriff auf Zahlenrechnen und auf symbolisches Rechnen eröffnete. Ein Satz von eherner Größe, der es verdient hätte, wie ’mene mene tekel upharsin’ in Flammenschrift an die Wand geschrieben zu werden – ausdrücklich in Kurzschrift, die heute kaum mehr jemand kennt. Hätte ich damals auf diesen Zeilen bestanden, wäre der Entwurf unterlegen.

Die hier realisierte Skulptur stellt für mich persönlich den buddhistischen Begriff der Leere dar, des Urgrunds alles Geschaffenen, aus dem sich die ganze Welt vielgestaltig entfaltet. Wenn Ihnen dieser Begriff zu fremd oder zu metaphysisch ist, dann denken Sie doch stattdessen an das physikalische Vakuum, von dem die Theoretischen Physiker uns ebenfalls sagen, dass es keineswegs leer ist, sondern von ungeheurer innerer Dynamik. Oder denken Sie an den tiefsten Punkt der Temperatur, also 0° Kelvin: an diesem Punkt ist jede thermische Bewegung erstorben; aber diesem Punkt können wir uns lediglich annähern, erreichen können wir ihn nicht, weil bei Annäherung die Fluktuationen ins Unendliche wachsen – also auch hier die Quelle des Unvorhersehbaren, des Unbeherrschbaren, des nicht planbar “Neuen”.

Der erweiterte Titel weckt in mir zugleich die Erinnerung an ein Gedicht von Rilke, “Die Sirenen”. Stellen Sie sich die flirrende Hitze über der Ägäis vor, Odysseus liegt mit seinem Schiff vor der Insel der Sirenen. Um ihren Gesang hören zu können, ohne von ihnen verspeist zu werden, lässt er sich an den Schiffsmast binden, alle Anderen müssen sich die Ohren mit Wachs verschließen. Dieses Gedicht endet mit den Zeilen:

...
Innenraum der Skulptur
Wie umringt von der Stille,
die die ganze Weite in sich hat
und an die Ohren weht,
so, als wäre ihre andere Seite der Gesang,
dem keiner widersteht.

Im Innern der Skulptur von Rainer Fest stehend, können vielleicht manche von Ihnen diesen Gesang hören.

Herr Fest, ich danke Ihnen im Namen des ZIB! Das von Ihnen geschaffene Werk hat eine gute Chance noch immer zu stehen, auch wenn ringsum die Gebäude verfallen sein werden.



1 gehalten am 26.09.1997, in etwa rekonstruiert am 3.5.2005 auf Basis meines originalen Stichwortzettels