Vorlesungsankündigung:
SS 99: VL Matroidtheorie
gehalten von Prof. Dr. Martin Grötschel (ZIB und TU Berlin)
Matroide stellen eine gemeinsame Verallgemeinerung verschiedener Aspekte der Graphentheorie und der
linearen Algbebra dar.
Sie haben sich als fundamentale Objekte der Kombinatorik erwiesen und sind in den letzten Jahrzehnten
intensiv untersucht worden.
Insbesondere spielen sie auch eine interessante Rolle in der Kombinatorischen Optimierung.
Viele kombinatorische Optimierungsprobleme lassen sich als Optimierungsprobleme über
Unabhängigkeitssystemen von Matroiden oder
Durchschnitten von Matroiden darstellen.
Die Bestimmung von gewichtsmaximalen Zyklen in binären Matroiden hat z.B.
Anwendungen im VLSI-Design und in der statistischen Mechanik.
Matroide können unter anderem auch durch den Greedy-Algorithmus charakterisiert werden.
In dieser Vorlesung werden die Grundbegriffe und wichtige Konzepte der Matroidtheorie eingeführt.
Insbesondere wird auf Repräsentierbarkeitsaspekte von Matroiden und Gesichtspunkte der Optimierungstheorie
eingegangen.
Die Vorlesung ist zweistündig, sie beginnt am Montag, dem 19. April 1999.
Ort: MA 642
Zeit: 8.15 Uhr -- 9.45 Uhr
Voraussetzungen: Grundbegriffe der Graphentheorie und Linearen Algebra
Geplante Fortsetzung: keine
Übungen: keine
Scheinkriterien: keine
Auf Wunsch der Teilnehmer findet die Vorlesung gelegentlich zu anderen
Terminen statt.
In jeder Vorlesung wird der jeweils nächste Termin festgelegt.
Termin und Ort werden auf dieser Internetseite angekündigt sowie
durch Aushang an der Tür meines Büros MA 602 in der TU.
Literatur zur Vorlesung Matroidtheorie:
Oxley, James G.: Matroid theory;
Oxford University Press; 1992
Truemper, K.: Matroid decomposition;
Academic Press, Inc., Boston; 1992
Welsh, D. J. A: Matroid theory; L.M.S. Monographs. Vol. 8. London - New York - San Francisco:
Academic Press; 1976
Bei der Ausarbeitung der Vorlesung wurden auch die folgenden Artikel bzw. Buchkapitel benutzt:
Barahona, F.; Grötschel, M.:
On the cycle polytope of a binary matroid;
J. Comb. Theory, Ser. B 40, 40-62 (1986).
Grötschel, M.; Truemper, K.:
Decomposition and optimization over cycles in binary matroids;
J. Comb. Theory, Ser. B 46, No. 3, 306-337 (1989).
Grötschel, M.; Truemper, K.:
Master polytopes for cycles of binary matroids;
Linear Algebra Appl. 114 / 115, 523-540 (1989).
Grötschel, Martin; Lovász, Laszlo; Schrijver, Alexander:
Geometric algorithms and combinatorial optimization; 2. corr. ed.
Berlin, Springer-Verlag (1993), Kapitel 7.5 und Kapitel 10.
Lovász, Laszlo
Submodular functions and convexity.
in: Bachem, A.; Grötschel, M.; Korte, B. (eds.)
Mathematical programming. The state of the art, Bonn 1982.
Berlin, Springer-Verlag, 235-257 (1983).
Weiterführende Literatur:
Joseph P. S. Kung
A source book in matroid theory;
Birkhäuser, Boston, 1986
(Dieses Buch enthält eine Vielzahl von Reprints wichtiger Artikel
der Matroidtheorie und Erklärungen zu diesen Papern.)
A. Björner, M. Las Vergnas, B. Sturmfels, N. White, G. Ziegler:
Oriented Matroids;
Cambridge University Press, Cambridge, 1993
(Dieses Buch faßt die Forschung zu orientierten Matroiden, einer
Verallgemeinerung von Matroiden, zusammen. Im Rahmen von orientierten Matroiden
kann man zum Beispiel den Simplexalgorithmus auf kombinatorische Weise formulieren
und verallgemeinern.
Orientierte Matroide kann man als geometrische Abstraktionen von verschiedenen
Konzepten der Kombinatorik, Konvexität, Topologie, aber auch der algebraischen
Geometrie und des Operations Research ansehen.
Dieses Buch ist die erste umfassende Aufarbeitung der Theorie orientierter Matroide.)
Vorlesungsinhalt:
1. Vorlesung am 19.4.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 1: Unbhängigkeitssysteme:
Einführung von Unabhängigkeitssystemen, Zirkuit-Systemen, Basissystemen
und der Rangfunktion für allgemeine Unabhängigkeitssysteme, Beispiele von
derartigen Systemen: stabile Mengen, Cliquen, Matching, gerichtetes
Traveling-Salesman-Problem etc.
2. Vorlesung am 26.4.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
weiter mit Kapitel 1: Optimierungsprobleme auf Unbhängigkeitssystemen:
gewichtsmaximale unabhängige Menge, gewichtsminimale Basis, minimale abhängige
Menge, minimaler Zyklus, maximaler Zirkuit (alles bezüglich Gewichtungen).
Kapitel 2: Matroiddefinitionen:
Drei äquivaltente Defintionssysteme
für matroidale Unbhängigkeitssysteme und Beweis ihrer Äquivalenz,
zwei Axiomensysteme für Zirkuitsysteme von Matroiden und Beweis ihrer Äquivalenz,
fundamentaler Zirkuit.
3. Vorlesung am 4.5.1999, MA645, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
weiter mit Kapitel 2:
Ein Axiom für das Basissystem eine Matroids und Äquivalenzbeweis,
Zwei-Axiomen-Systeme für die Rangfunktion eines Matroids, Darstellung
eines allgemein Unabhängigkeitssystems als Durchschnitt von
matroidalen Unabhängigkeitssystemen, weitere Beispiele von
Zirkuitsystemen.
Kapitel 3: Beispiele von Matroiden:
Graphische Matroide, Matrix-Matroide, cographische Matroide.
4. Vorlesung am 17.5.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
weiter mit Kapitel 3:
Uniforme Matroide, algebraische Matroide, affine Matroide, Matroide abgeleitet
aus Abelschen Gruppen, Matroide mit drei oder weniger Elementen, geometrische
Darstellung von Matroiden mit Rang 3 in der Euklidischen Ebene, einige konkrete
Matroide, das Fano-Matroid, Partitionsmatroide, Transversalmatroide, Matroide
und Elementarvektoren.
5. Vorlesung am 27.5.1999, MA645, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 4: Operationen auf/mit Matroiden
In diesem Kapitel werden die wichtigsten Operationen vorgestellt, die man mit
oder auf Matroiden durchführen kann:
Restriktion eines Matroids auf eine Teilmenge, Entfernung von Elementen,
Abschneiden, Elongation, Kontraktion, duale Matroide, Minorenbildung.
Wichtige Beziehungen zwischen diesen Operationen werden formuliert und bewiesen.
6. Vorlesung am 31.5.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 5: Repräsentierbarkeit von Matroiden
In diesem Kapitel werden die wichtigsten Resultate der Matroidtheorie bezüglich
der Repräsentierbarkeit von Matroiden als Matrixmatroide über Körpern
dargestellt.
Es werden Beispiele für nicht-repräsentierbare Matroide angegeben und
Matroide, die über jedem Körper repräsentierbar sind (z.B. graphische
und cographische Matroide).
Solche Matroide werden regulär genannt und charakterisiert.
Darüber hinaus werden wichtige Eigenschaften von binären Matroiden
gezeigt, es wird eine Charakterisierung von binären und ternären
Matroiden angegeben über verbotene Minoren.
Die fundamentale Zirkuit-Matrix und die fundamentale Cozirkuit-Matrix werden
eingeführt.
7. Vorlesung am 7.6.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
weiter mit Kapitel 5.
8. Vorlesung am 14.6.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Beendigung des Kapitel 5.
Kapitel 6: Graphische und cographische Matroide
Eindeutigkeit des einem graphischen Matroiden zugehörigen Graphen, falls dieser
dreifach zusammenhängend ist, Regularitäat von graphischen und cographischen
Matroiden, Charakterisierung von graphischen und cographischen
Matroiden durch verbotene Minoren, Charakterisierung von graphischen Matroiden, die durch
planare Graphen induziert werden, durch verbotene Minoren.
9. Vorlesung am 21.6.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 7: Matroid-Eigenschaften: algorithmisch betrachtet
Inputlänge eine Matroids, Matroide, gegeben durch Unabhängigkeitsorakel,
Zirkuitorakel, Basisorakel, Rangorakel, Beschreibung aller Möglichkeiten, eines
dieser Orakel durch ein anderes in polynomialer Zeit zu simulieren, Angabe von
orakelpolynomialen Algorithmen zur Entscheidung, ob ein Matroid graphisch ist oder nicht,
cographisch ist oder nicht, regulär ist oder nicht; algorithmisch schwierige Matroidprobleme:
Repäsentierbarkeit, Repäsentierbarkeit über einem fest vorgegebenen Körper,
Uniformität etc.
10. Vorlesung am 28.6.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 8: Matroidpolyeder, Optimierung über Matroiden
Diskussion des Greedy-Algorithmus, verschiedene Beweise für die Optimialität des
Greedy-Algorithmus für Unabhängigkeitssyteme über Matroiden, Güteabschätzungen
bei allgemeinen Unabhängigkeitssytemen, Matroiddurchschnittssatz, Matroidpolyeder und ihre Beschreibung,
verschiedene Vollständigkeitsbeweise, Charakterisierung der Facetten des Matroidpolytops, vollständige
Beschreibung des Durchschnitts von zwei Matroidpolyedern.
Dualitätssätze, total duale Ganzzahligkeit, Spezialfälle: Polytop der Wälder und
aufspannenden Bäume, Branching und Aboreszenpolytop.
11. Vorlesung am 5.7.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
weiter mit Kapitel 8.
12. Vorlesung am 9.7.1999, MA645, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Beendigung von Kapitel 8
Kapitel 9: Submodulare Funktionen
Verschiedene Charakterisierungen von submodularen Funktionen, Beispiele, Operationen
mit submodularen Funktionen, Lovász-Erweiterung, Konvulotion, Dillworth Truncation,
Polymatroide und erweiterte Polymatroide, der Greedy-Algorithmus für Polymatroide,
Submodularität und Konvexität, Minimierung von submodularen Funktionen mit Hilfe
der Ellipsoidmethode.
13. Vorlesung am 12.7.1999, MA642, 8.15 Uhr - 9.45 Uhr
Kapitel 10: Zyklen in binären Matroiden:
Untersuchung des Problems, einen maximalen
gewichteten Zyklus in einem binären Matroiden zu finden, polyedrischer Ansatz, der
Zykluspolytop, Charakterisierung des Zykluspolytops durch Seymours "Sum of Circuits"-Eigenschaft,
verbotene Minorencharakterisierung dieser Eigenschaft, Bestimmung von maximalen Zyklen in binären
Matroiden, die die "Sum of Circuits"-Eigenschaft haben, Spezialfall: Bestimmung von maximalen
gewichteten Eulerschen Subgraphen, Max-Cut in planaren Graphen, Masterpolytope für Zyklen in binären
Matroiden.