Regeln zur Sicherung guter Wissenschaftlicher Praxis am Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik Berlin (ZIB) *


Vorbemerkung

Wissenschaftliche Redlichkeit und die Beachtung der Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis sind unverzichtbare Voraussetzungen allen wissenschaftlichen Arbeitens, das Erkenntnisgewinn anstrebt und von der Öffentlichkeit respektiert werden soll. Verstöße gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis sind in vielfältiger Weise möglich, von mangelnder Sorgfalt bei der Anwendung wissenschaftlicher Methoden oder bei der Dokumentation von Daten bis zu schwerem wissenschaftlichen Fehlverhalten durch bewusste Fälschung und Betrug. In jedem Fall sind solche Verstöße unvereinbar mit dem Wesen der Wissenschaft selbst als einem auf nachprüfbaren Erkenntnisgewinn gerichteten, methodisch-systematischen Forschungsprozess. Sie zerstören darüber hinaus das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse sowie das Vertrauen der Wissenschaftler untereinander, das eine wichtige Voraussetzung wissenschaftlicher Arbeit in der arbeitsteiligen Zusammenarbeit darstellt, die Wissenschaft heute bestimmt.

Auch wenn Unredlichkeit in der Wissenschaft durch Regelwerke nicht vollständig verhindert werden kann, so können entsprechende Vorkehrungen doch gewährleisten, dass allen am Forschungsgeschehen Beteiligten die Normen guter wissenschaftlicher Praxis regelmäßig bewusst gemacht werden. Damit wird ein wesentlicher Beitrag dazu geleistet, wissenschaftliches Fehlverhalten zu begrenzen.

1. Allegemeine Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit


Als allgemeine Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit am ZIB sind insbesondere die folgenden Regelungen zu berücksichtigen:

a. Regeln für die wissenschaftliche Alltagspraxis
  • genaue Beachtung disziplinspezifischer Regeln für die Gewinnung und Auswahl von Daten,
  • zuverlässige Sicherung und Aufbewahrung von Primärdaten; eindeutige und nachvollziehbare Dokumentation aller wichtigen Ergebnisse,
  • Regel des systematischen Skeptizismus: Offenheit für Zweifel auch an den eigenen Ergebnissen bzw. an den Ergebnissen der eigenen Gruppe,
  • Bewusstmachen stillschweigender axiomatischer Annahmen; Kontrolle von aus eigenem Interesse oder selbst moralisch motiviertem Wunschdenken; systematische Aufmerksamkeit für mögliche Fehldeutungen in Folge der methodisch beschränkten Erfassbarkeit des Forschungsgegenstandes (Übergeneralisierung).
b. Regeln der Kollegialität und Kooperation 
  • keine Behinderung der wissenschaftlichen Arbeit von Konkurrenten, zum Beispiel durch Verzögern von Reviews oder durch Weitergeben von wissenschaftlichen Ergebnissen, die man vertraulich erhalten hat,
  • Förderung der wissenschaftlichen Qualifikation von Nachwuchsforschern,
  • Offenheit gegen Kritik und Zweifel von Kollegen und Mitarbeitern,
  • sorgfältige, uneigennützige und unvoreingenommene Begutachtung von Kollegen; Verzicht bei Befangenheit.
c. Regeln für die Veröffentlichung von Ergebnissen
  • strikte Redlichkeit in der Anerkennung und angemessenen Berücksichtigung der Beiträge und Ideen von Dritten, z.B. Vorgängern, Konkurrenten und Mitarbeitern (Prinzip der Anerkennung).
  • prinzipielle Veröffentlichung der mit öffentlichen Mitteln erzielten Ergebnisse (Prinzip der Öffentlichkeit der Grundlagenforschung),
  • Veröffentlichung auch falsifizierter Hypothesen in angemessener Weise und Einräumen von Irrtümern (Prinzip einer irrtumsoffenen Wissenschaftskultur).

 

2. Zusammenarbeit und Leitungsverantwortung in Arbeitsgruppen 

Die Geschäftsleitung des ZIB trägt die Verantwortung für eine angemessene Organisation, die sichert, dass in Abhängigkeit von der Größe der einzelnen wissenschaftlichen Arbeitseinheiten die Aufgaben der Leitung, Aufsicht, Konfliktregelung und Qualitätssicherung eindeutig zugewiesen sind und gewährleistet ist, dass sie tatsächlich wahrgenommen werden können.

Die Kooperation in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen muss so beschaffen sein, dass die in spezialisierter Arbeitsteilung erzielten Ergebnisse unabhängig von hierarchiebedingten Rücksichten wechselseitig mitgeteilt, kritisiert und in einen gemeinsamen Kenntnisstand integriert werden können. Dies ist auch für die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern in der Gruppe zur Selbstständigkeit von besonderer Bedeutung. In größeren Gruppen empfiehlt sich dafür die Durchführung von regelmäßigen Kolloquien. Die wechselseitige Überprüfung von Arbeitsergebnissen ist sicherzustellen, auch indem eigene Ergebnisse zugänglich gemacht werden. Der primäre Test eines wissenschaftlichen Ergebnisses ist seine Überprüfbarkeit.

Leitungsfunktionen in Arbeitsgruppen können nur in Kenntnis aller dafür relevanten Umstände verantwortungsvoll wahrgenommen werden; die Leitung einer Arbeitsgruppe verlangt Sachkenntnis, Präsenz und Überblick. Wo dies wegen der Größe der Gruppe oder aus sonstigen Gründen nicht mehr hinreichend gegeben ist, müssen Leitungsaufgaben so delegiert werden, dass die jeweilige Führungsspanne überschaubar bleibt.

 

3. Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Der Ausbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und seiner Anleitung zur Berücksichtigung der Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis muss besondere Aufmerksamkeit gelten. Auf die besondere Bedeutung enger Kooperation mit den Universitäten wird in diesem Zusammenhang ausdrücklich hingewiesen.

In den Abteilungen des ZIB ist dafür Sorge zu tragen, dass für den wissenschaftlichen Nachwuchs, insbesondere für Diplomanden und Doktoranden sowie Promovierten und Habilitanden eine angemessene Betreuung sichergestellt ist und ein primärer, zeitlich ausreichend verfügbarer Ansprechpartner existiert. Für die Betreuung von Doktoranden ist eine angemessene Mitwirkung der Universität, an der die Promotion erfolgt, sicherzustellen.

 

4. Sicherung und Aufbewahrung von Primärdaten


Sofern sinnvoll und möglich, werden Primärdaten als Grundlagen für Veröffentlichungen auf haltbaren und gesicherten Trägern in den Abteilungen, wo sie entstanden sind, für mindestens zehn Jahre aufbewahrt. Für berechtigte Interessenten muss der Zugang zu den Daten gewährleistet sein.

Wissenschaftliche Untersuchungen und numerische Rechnungen können nur überprüft werden, wenn alle wichtigen Schritte nachvollziehbar sind. Daher ist eine hinreichend vollständige Aufbewahrung der Dokumentation für mindestens zehn Jahre wünschenswert. Damit ist es möglich, auf diese Aufzeichnungen zurückzugreifen, wenn veröffentlichte Resultate von anderen angezweifelt werden. Praktisch sinnvolle Wege und Hilfsmittel zur langfristigen Speicherung von Daten sind anzubieten.

Die Abteilungsleiter wirken darauf hin, dass die Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten im Sinne dieser Regeln erfüllt werden.

5. Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Veröffentlichungen sind das wichtigste Medium für die Vermittlung von Forschungsergebnissen an die wissenschaftliche und die allgemeine Öffentlichkeit. Damit geben Autoren Ergebnisse bekannt, für deren wissenschaftliche Zuverlässigkeit sie Verantwortung übernehmen. Veröffentlichungen, die über neue wissenschaftliche Ergebnisse berichten sollen, müssen daher die Ergebnisse und die angewendeten Methoden vollständig und nachvollziehbar beschreiben und eigene und fremde Vorarbeiten vollständig und korrekt nachweisen; bereits zuvor veröffentlichte Ergebnisse sollten nur insoweit wiederholt werden, als es für das Verständnis des Zusammenhangs notwendig erscheint. Befunde, welche die vorgelegten Ergebnisse stützen bzw. sie in Frage stellen, sollten gleichermaßen mitgeteilt werden.

Sind an einer Forschungsarbeit bzw. an der darauf aufbauenden Publikation mehrere Urheber beteiligt, so kann als Mitautor nur genannt werden, wer zur Konzeption der Studien oder Experimente, zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen und seiner Veröffentlichung zugestimmt hat. Die Autoren tragen die Verantwortung für den Inhalt stets gemeinsam; eine sogenannte "Ehrenautorschaft" ist unzulässig. Ein unterschiedliches Maß an Beteiligung kann durch eine von der alphabetischen Reihenfolge abweichende Angabe der Autorennamen zum Ausdruck gebracht werden. Die Unterstützung durch Dritte ist in einer Danksagung anzuerkennen. Wesentliche finanzielle Förderungen sind anzugeben.

6. Ombudspersonen, Kommission und Sanktionen 

Zur Beratung in Konfliktfällen in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis werden die Mitglieder des vom Verwaltungsrat bestellten Wissenschaftlichen Beirats des ZIB als neutrale, qualifizierte und persönlich integre Ombudspersonen benannt. Als herausgehobener Ansprechpartner fungiert der Sprecher dieses Gremiums. Die Ombudspersonen haben insbesondere die Aufgabe, bei einem Verdacht auf Verstöße gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis Beteiligten als Ansprechpartner vertraulich und beratend zur Verfügung zu stehen.

Bei konkreten Verdachtsmomenten für wissenschaftliches Fehlverhalten wird vom Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats zur Untersuchung der erhobenen Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens eine Kommission aus drei Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats gebildet. Sofern der Informierende zustimmt, kann die von ihm gewählte Ombudsperson zum Mitglied der Kommission bestellt werden. Die in Anlage 1 genannten Verfahrensregelungen sind anzuwenden.**

Konkrete Verdachtsmomente für wissenschaftliches Fehlverhalten liegen in einer Verhaltensweise vor, die dem in Anlage 2 aufgeführten "Katalog von Verhaltensweisen, die als Fehlverhalten anzusehen sind", entspricht. ***

Schwerwiegende Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis können - je nach den Umständen des Einzelfalles - die folgenden Konsequenzen haben:

  • Beamtenrechtliche Folgen: z.B. Einleitung eines Disziplinarverfahrens, Regress bei schuldhaft verursachten Schäden
  • Arbeitsrechtliche Folgen: z.B. Ausspruch einer Abmahnung oder außerordentlichen Kündigung, Haftung bei schuldhaft verursachten Schäden
  • Akademische Folgen: z.B. Entzug des Doktorgrades oder der Lehrbefähigung
  • Zivilrechtliche Folgen: z.B. Erteilung eines Hausverbotes, Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche aus Urheberrecht, Schadensersatzansprüche
  • Strafrechtliche Folgen. 

7. Inkrafttreten 

Diese Regeln treten am Tage nach ihrer Verabschiedung durch den Verwaltungsrat in Kraft. Unbeschadet davon können Vorgänge aus der Zeit vor dem Inkrafttreten, die nicht länger als fünf Jahre zurückliegen, nach diesen Regeln behandelt werden.

Diese Regeln sind den Mitarbeitern des ZIB in geeigneter Weise bekanntzumachen. Neu eingestellte Mitarbeiter sind entsprechend zu informieren. Die Kenntnisnahme ist schriftlich zu bestätigen.


* Diese Regeln basieren auf den Empfehlungen "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und entsprechen weitgehend den vom Senat der Max-Planck-Gesellschaft im November 2000 beschlossenen Vorschriften. Sie sind vom Verwaltungsrat des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik Berlin am 02. Juli 2002 beschlossen worden.

Bezeichnungen wie Wissenschaftler, Autor, Ansprechpartner u. ä. sind in diesem Text als Funktionsbezeichnungen zu verstehen, die stets beide Geschlechter umfassen.

Weitere Hinweise zur Problematik sind u.a. der von einem Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Rates der Max-Planck-Gesellschaft ausgearbeiteten Darstellung "Verantwortliches Handeln in der Wissenschaft - Analysen und Empfehlungen" zu entnehmen. [ http://www.edoc.mpg.de/48497]

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 Die in Anlage 1 aufgeführten Regeln entsprechen weitgehend Teil IV der Empfehlungen "Zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten in den Hochschulen" des 185. Plenums der Hochschulrektorenkonferenz vom 6. Juli 1998.

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 Die in Anlage 2 aufgeführten Regeln entsprechen den vom Senat der Max-Planck-Gesellschaft am 14.11.1997 beschlossenen "Katalog von Verhaltensweisen, die als Fehlverhalten anzusehen sind".