Moderne Rechenkünstler - Die
Industrialisierung
der Rechentechnik in
Deutschland
Hartmut Petzold
Verlag C.H. Beck München, 1992
Kapitel 5: Ein eigensinniger
Erfinder-Unternehmer:
Konrad Zuse
Familie, Schule und Studium
Anstelle der Auseinandersetzung zwischen Firmen und
politischen Institutionen, denen das Interesse im vorigen Kapitel galt, soll
jetzt erneut der Gegensatz zwischen einer einzelnen, schöpferischen
Persönlichkeit auf der einen und den politischen, wirtschaftlichen oder
auch militärischen Stellen auf der anderen Seite in den Mittelpunkt des
Interesses gerückt werden. Dieser Gegensatz bestimmte in diesen Jahren die
historische Entwicklung der automatischen digitalen Rechentechnik in Deutschland
stärker als die vorhandenen objektiven technischen Möglichkeiten. Die
Geschichte der Arbeit von Konrad Zuse zeigt, daß dabei auch der
Entwicklung der Theorie des automatischen Rechnens und der unmittelbar daraus
hervorgehenden Programmiertechnik von Anfang an eine bedeutende Rolle
zukommt.
Die frühen, entscheidenden Arbeiten Zuses fanden lange
Zeit kaum Beachtung, da nur wenige Personen, darunter ganz wenige Vertreter des
akademischen Wissenschaftsbetriebs, von ihnen überhaupt wußten.
Selbst bei diesen blieb das Interesse aus unterschiedlichen Gründen gering,
so daß der Einfluß Zuses auf die Entwicklung der seit Beginn der
50er Jahre entstehenden Computerszene oft nur indirekt stattfand. Gerade die
Verfolgung der Erfahrungsgänge zeigt jedoch, daß dieser Einfluß
tatsächlich gegeben war.
Der 1910 als Sohn eines Postbeamten in Berlin geborene Konrad
Zuse hatte seine Kindheit im ostpreußischen Braunsberg verbracht, bis sein
Vater, den er später als “preußischen Beamten im besten
Sinne” bezeichnen sollte, in die Oberlausitz versetzt wurde. Nach dem
Besuch des Reformrealgymnasiums in Hoyerswerda und dem Abitur 1927 schrieb sich
der zeichnerisch begabte und technisch allseitig interessierte Zuse an der TH
Berlin-Charlottenburg im Fach Maschinenbau ein. Seine Erinnerungen aus dem Jahr
1970, die in überarbeiteter und ergänzter Fassung 1984 erneut
herausgegeben wurden, teilen mit, daß er in der Pflicht, beim
Maschinenzeichnen die vorgeschriebenen Normen verwenden zu müssen, eine
Einschränkung seines schöpferischen Geistes gesehen hätte und
deshalb zum Architekturstudium überwechselte. Weil er dort nicht gleich mit
dem Entwerfen “technisch großzügiger Bauten” hätte
beginnen können, habe er schließlich ein drittes Studium als
Bauingenieur begonnen und habe in diesem Beruf endlich “die ideale
Kombination von Ingenieur und Künstler” gefunden. Als 1929 die
beginnende Wirtschaftskrise den Ingenieurberuf als nicht sehr aussichtsreich
erscheinen ließ, scheiterte ein Versuch Zuses, Reklamezeichner zu
werden.
In seiner Schulzeit hatte sich Zuse mit der Planung
verkehrsgerechter Städte befaßt. Er verwandte einige Zeit auf das
Fotografieren und entwarf dafür automatische Entwicklungsanlagen. Andere
Beschäftigungen galten dem Entwurf eines neuartigen Kinos oder auch eines
Warenautomaten mit Geldrückgabe. Solche Projekte gediehen bis zu
ernsthaften zeichnerischen Entwürfen und praktischen Modellen aus dem
Metallbaukasten. Die Feststellung, daß es die preußische
Beamtenfamilie war, die Zuse später die für ihn entscheidende
Fähigkeit mitgab, mit einfachsten Mitteln die wesentlichen Teile seiner
technischen Pläne zu realisieren, entspricht einer weder beweisbaren noch
widerlegbaren, jedoch ideologieträchtigen Vorstellung.
Folgt man Zuses Erinnerungen, dann gehörten zu den
Büchern, die ihn während seiner Studienzeit besonders beeindruckt
hatten, neben Henry Fords Autobiographie, in der die Technik einen Weg aus der
Wirtschaftskrise zu weisen schien, auch der erste Band von Marx‘
Kapital und Spenglers Geschichtsphilosophie.
Nach seiner eigenen Schilderung war Zuse in seinen
Schüler- und Studentenjahren ständig auf der Suche nach Problemen, bei
denen er etwas automatisieren konnte. Wenn er dort auch mitteilt, daß mit
Ausnahme der kurzen Zwischenphase, in der er Zeichner werden wollte, der
Ingenieurberuf für ihn als Lebensziel festgestanden habe, so war es
sicherlich nicht der Ingenieur, der sich durch besonderes
Einfühlungsvermögen in eine fest vorgegebene Aufgabenstellung
auszeichnete, sondern der erfinderische Unternehmer, der nur sich selbst als
Aufgabensteller anerkennt.
Erste Überlegungen zum Rechenautomaten
Während des Bauingenieurstudiums traf Zuse auf die
umfangreichen statischen, darunter die besonders aufwendigen, statisch
unbestimmten Rechnungen, von denen er berichtete, daß sie um 1930 herum
schon sehr gut “programmiert” gewesen seien. Das dabei verwendete
Rechenschema beruhte auf einer Zergliederung der mathematischen Aufgabe bis zu
den elementaren Rechenschritten, die mit mechanischen Tischrechenmaschinen
ausgeführt werden konnten.
Die Abfolge der einzelnen Rechenschritte war auf einem
Formular festgelegt, in das auch die Zwischenergebnisse eingetragen wurden.
Nachdem ein Ingenieur oder Mathematiker das Formblatt für eine
Standardaufgabe einmal erstellt hatte, wurde die Zahlenrechnung von wenig
qualifizierten “Rechenknechten” oder Rechnerinnen mit
Tischrechenmaschinen mit demselben vervielfältigten Blatt immer wieder von
neuem für wechselnde Zahlenwerte ausgeführt. Eine Kontrolle für
die Rechnung bestand darin, daß sie von zwei Rechnerinnen, parallel und
unabhängig voneinander, durchgerechnet wurde, ohne daß diese
Gesamtzusammenhänge verstanden. Stimmten die Ergebnisse überein, dann
war die Rechnung mit großer Wahrscheinlichkeit richtig.
Ausgehend von Überlegungen zur Verbesserung solcher
Rechenschemata entwickelte Zuse während des Studiums immer konkretere
Vorstellungen einer automatischen programmgesteuerten Rechenmaschine.
Später beschrieb er seine Gedanken von 1934: Bei der Erstellung der
Formblätter und Rechenschemata “sollten möglichst nur die Zahlen
(Eingangswerte) eingesetzt werden, und der Ablauf der Rechnung, der sich in der
Regel aus Addition, Subtraktion und Multiplikation zusammensetzte, sollte sich
aus dem Aufbau der Formulare gewissermaßen von selbst ergeben,
möglichst so, daß nebeneinanderstehende Zahlen zu multiplizieren,
untereinanderstehende zu addieren und Festwerte (Formelkonstante) gleich an den
richtigen Stellen vorgedruckt standen”. Die Überlegungen
mündeten 1934 in eine umfangreichere Studienarbeit bei Karl Pohl, Professor
für Statik, in der er ein Rechenschema für die Berechnung eines
neunfach statisch überbestimmten Systems von drei zusammenhängenden
Brückenrahmen aufstellte.
Er selbst arbeitete damals mit dem Rechenschieber und nicht
mit der mechanischen Rechenmaschine. Auch die Verwendung von Lochkartenmaschinen
schloß er “nach einem Blick”, wie es in den Erinnerungen von
1970 heißt, kurzentschlossen aus. Sie standen ihm auch gar nicht zur
Verfügung.
Zuse konnte sich schnell vom Konzept der vorhandenen
Rechenmaschinen lösen, da er sich nicht auf das mechanische Addieren und
Multiplizieren beschränken ließ, sondern beliebig komplexe
Rechenaufgaben in einzelne elementare Rechenschritte auflösen und
automatisch berechnen wollte. In seinen Überlegungen bildeten Rechenschema
und Rechenmaschine eine Einheit, die er in einem neuartigen, möglichst
weitgehend automatisierten Gerät technisch zusammenfassen wollte.
Offenbar liegt ein Schlüssel für die
grundsätzlichen Beiträge Zuses zur Computerentwicklung darin,
daß er das System aus Rechenschema und Vierspeziesmaschine, das von den
Rechenpraktikern bereits seit Jahrzehnten als erfolgreicher Weg zur effektiven
Nutzung der Rechenmaschinen eingeschlagen und systematisch entwickelt worden
war, aus dem damals gängigen Blickwinkel des Rationalisierungsingenieurs
sah, der eine zu mechanisierende und zu rationalisierende Einheit verwirklichen
wollte.
Die in den Erinnerungen wiedergegebene Folgerichtigkeit der
Ideen vollzog sich in der historischen Realität sicherlich nicht in der
hier mitgeteilten Klarheit. Die erwähnten Zweifel dürften zu jeder
Zeit gewichtig gewesen sein. “Denn nur, was Wind und Wetter
wirtschaftlich-praktischer Verwendung auszuhalten vermag, verdient es, als
wichtiges Glied der gesamten Entwicklung festgehalten zu werden”, war die
Regel des deutschen Historikers der Ingenieur-Technik Conrad Matschoß.
“Geistreiche Ideen, die schon bei der ersten Ausführung scheiterten,
gehören nur ausnahmsweise, soweit sie zum Verständnis der Entwicklung
nötig sind, hierher. ... Im Reiche der Technik gelten Taten und nicht
Worte, und deshalb ist es berechtigt und notwendig, am ausführlichsten von
diesen Taten zu berichten.” Es war für Zuse nicht nötig,
Matschoß‘ Geschichte der Dampfmaschine, wo diese Sätze
stehen, zu studieren. Er richtete sich bei der Abfassung seiner Erinnerungen
auch so nach dieser Maxime. Vieles an Widersprüchlichkeiten dieser
Autobiographie entspringt daraus.
Über das Festhalten der Daten durch Lochung auf nur
einmal verwendbaren Lochkartenformularen kam er zum beliebig of benutzbaren
Register. Er wollte das Rechenformular, in das die Zahlen eingelocht werden
sollten, in dieses Register einlesen. Für die Abtastung des großen
Formularbogens sah er anfangs eine Brücke mit Laufkatze vor, erkannte dann
jedoch, daß das Formular durch einen leichter abzulesenden Speicher
ersetzt werden konnte, wenn die Zahlen entsprechend ihrer topologischen
Anordnung auf dem Formular durchnumeriert wurden. Wenn diese Anordnung durch
eine Folge von Operationsbefehlen ersetzt wurde, waren Ablesetisch, Brücke
und Laufkatze unnötig, und das “Rechenschema” konnte durch
einen “Rechenplan” ersetzt werden. “Ein Rechenplan entsteht
durch die Auflösung einer Formel in ihre einzelnen elementaren Operationen
und Aufzählung dieser Operationen, wobei die betreffenden Werte am
einfachsten der Reihe nach numeriert werden”, lautete auch später
Zuses Definition.
Die technologische Umsetzung des dualen Zahlensystems
Der entscheidende Schritt, der ihm den Weg für die
weitere Konzeption freimachte, war Zuses Entschluß, das Dualzahlensystem
zu verwenden. Er sah später in diesem Schritt eine radikale Konsequenz
seiner Aufgabenstellung und beantwortete 1968 die Frage, wie er darauf kam:
“Ja eigentlich, weil ich von jeher ein Sonderling war, und eben alles
anders machen mußte als die anderen Menschen.” Er sei damals
“nicht gerade revolutionär” gewesen, “aber irgendwie ein
Sonderling schon”.
Zuse schilderte damals seine Überlegungen gegenüber
der Mitarbeiterin der amerikanischen Smithsonian Institution Uta
Merzbach: “Ist das, was die anderen machen, vernünftig? Und gibt es
in diesem Fall nicht einen besseren Weg? Zum Beispiel, wenn ich jetzt eine
Rechenmaschine baue, die über Tausende von Werten hinweg automatisch
rechnet, muß ich dann noch das etwas plumpe Dezimalsystem
verwenden?” Dabei kam er “ziemlich leicht auf das einfachste, das
binäre Zahlensystem”. Er faßte zusammen: “Das ist eben
die Konsequenz, wenn man wirklich neu anfängt.” Rückblickend
verglich er seinen Ansatz mit dem der amerikanischen Computerpioniere: “
Aiken z. B. hat noch mit Bauelementen der Lochkartenindustrie angefangen, die
waren aber dezimal. Da war also durch die Bauelemente der Weg vorgeschrieben.
... Stibitz... war von vornherein in einer Firma tätig, in der die
Relaistechnik zur Tradition gehört. Die Schaltungstechnik mit Relais war
ihm schon geläufig und der Gedanke des binären Zahlensystems irgendwie
natürlich.”
Zuse war fasziniert, als sich durch das binäre
Zahlensystem eine “neue Welt des Rechnens” eröffnete, die sich
scheinbar ziemlich problemlos durch entsprechende Schaltelemente realisieren
ließ. Er erkannte schon bald, daß die Verwendungsmöglichkeiten
des elementaren dualen Schaltbausteins außerordentlich weitreichend und
umfassend sein mußten. Im Gegensatz zur Entwicklung mechanischer
Rechenmaschinen schienen zumindest für eine versuchsweise Realisierung
seiner Konzeption weder eine aufwendige Werkstatteinrichtung noch
feinmechanische Erfahrung und Raffinesse notwendig. Die Entwicklungsarbeit
bestand vor allem im Entwurf von Schaltplänen am Schreibtisch.
Auch als er nach dem Entwurf der ersten Schaltungen
feststellte, daß mehrere Tausend Telefonrelais für rund 100 000 Mark
nötig seien, daß eine derartige Anordnung ein ganzes Zimmer mit
Relaisschränken füllen würde, blieb er beim Dualsystem. Ihm habe
anfangs die Größenordnung einer “besseren
Tischrechenmaschine” vorgeschwebt, meinte er später, weshalb er mit
großer Energie nach einem kleineren und billigeren Relais suchte. Er fand
heraus, daß rein mechanische Dualschaltungen nicht nur möglich waren,
sondern sich technologisch sogar einfacher und vor allem raumsparender als die
üblichen, auf Zahnrädern beruhenden Dezimalschaltungen realisieren
ließen. Die hin- und herzuschiebenden einfachen Blechhebel versprachen
eine billige Herstellung in
Stanztechnik.
[5]5
Ein weitreichendes Konzept
Trotz aller praktischen Probleme hatte Zuse gegen Ende seines
Studiums 1934/35 den Entschluß gefaßt, sein zukünftiges Leben
der Konstruktion und dem Bau rechenplangesteuerter Rechenanlagen zu widmen. Drei
Grundprinzipien betrachtete er als unverzichtbar: Das Gerät sollte durch
einen Rechenplan in Lochstreifenform gesteuert werden, der nacheinander die
Befehle an die einzelnen Teile der Anlage gab; das zentrale Rechenwerk sollte im
binären Zahlensystem und mit Gleitkommarechnung aufgebaut werden;
während der Rechnung auftretende Zwischenwerte sollten in einem besonderen
adressierbaren Speicherwerk für etwa 1 000 Zahlen gespeichert werden. Damit
hatte er rein theoretisch, nur durch einige Versuchsbasteleien gestützt,
eine Rechenmaschinenkonzeption gefunden, von der er nie wieder abzugehen
brauchte, auch wenn sie wesentliche Bestandteile der später als klassisch
bezeichneten Konzeption, die mit dem Namen John von Neumanns verbunden ist,
nicht enthielt.
Nach dem Studienabschluß begann Zuse im Juli 1935 erst
einmal als Statiker bei den neu gegründeten Henschel-Flugzeugwerken
in Berlin-Schönefeld, wo er für die Konstruktion von Tragwerken Kraft-
und Spannungsberechnungen von verwickelten, ebenen und räumlichen, mehrfach
statisch unbestimmten Systemen und die Nachrechnung von Beulerscheinungen sowie
die Bearbeitung und Auswertung von Festigkeitsversuchen durchführte. Die
praktischen Erfahrungen mit der technischen Rechenarbeit bestärkten ihn
weiter in seinem Entschluß, sich ganz “der Konstruktion
automatischer Rechenmaschinen” zu widmen.
Konsequent und überzeugt von der Bedeutung seiner
Erfindung gab er jedoch bereits zum 31. Mai 1936 die von ihm selbst, sicherlich
mit Recht, als aussichtsreich bezeichnete Stellung wieder auf und richtete in
der Wohnung seiner Eltern eine Werkstatt ein. Von nun an wurde die Arbeit
weitgehend von seiner Familie und von Freunden aus der Akademischen
Vereinigung Motiv ermöglicht. Zuses Vater, bereits pensioniert,
ließ sich für ein Jahr reaktivieren. Seine Schwester
unterstützte die Arbeit aus ihrem Gehalt. Ein damals beteiligter
Studienfreund berichtete von der Werkstatt, die in der Wohnung der Eltern in der
Berliner Methfesselstraße eingerichtet wurde, während das große
Wohnzimmer die entstehende Maschine selbst aufnahm. Zeitweise wurde noch ein
drittes Zimmer als Aufenthaltsraum belegt.
Die Maschine nahm bald das ganze Wohnzimmer ein und konnte
nicht mehr daraus entfernt werden. Bereits Ende 1935 hatte Zuse seinen Freunden
erklärt, er suche Helfer für den Bau einer Universalrechenmaschine.
Seit Sommer 1936 bis zum Kriegsausbruch arbeitete ein halbes Dutzend seiner
Freunde abwechselnd, teilweise monatelang, täglich bei ihm. Sie
veranlaßten auch Verwandte zu finanziellen Spenden, um die Arbeit
weiterführen zu können. Seine Mutter kochte für die Mitarbeiter
das Essen. Als einziges überliefertes Motiv für diese allseitige
Unterstützung wurde die Überzeugung überliefert, daß Zuse
“Großes” vorgehabt habe, wobei man ihm helfen mußte. Die
jahrelang dauernde Unterstützung für den damals 26jährigen durch
die Angehörigen läßt jedoch darauf schließen, daß
man auf eine baldige und erfolgreiche Unternehmensgründung mit
Rückhalt in der Flugzeugindustrie hoffte. Beide Motive schließen sich
natürlich nicht aus.
“Die Rechenmaschine des Ingenieurs”
In einem vom 30. Januar 1936 datierten,
unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel “Die Rechenmaschine des
Ingenieurs” formulierte Zuse die wesentlichen Eigenschaften der geplanten
Maschine, die nicht wie die üblichen Maschinen statistischen und
kaufmännischen Zwecken dienen, sondern lediglich technische Rechnungen
ausführen sollte: “Der Ingenieur hat viel mit festen Formeln zu
arbeiten, die immer wiederkehren. Man hat gewisse Ausgangswerte, und die Arbeit
besteht nur darin, durch eine bestimmte, für eine Formel immer gleiche
Aufeinanderfolge von Grundrechnungsarten zwischen bestimmten Zahlen das Resultat
zu berechnen... In dieser Art läßt sich für jede beliebig lange
Rechnung ein ‚Rechenplan‘ aufstellen, in dem im voraus die
aufeinanderfolgenden Rechenoperationen dem Charakter und der Reihe nach
aufgezeichnet werden, und die im Verlauf der Rechnung auftretenden Zahlen
fortlaufend numeriert, oder nach einem anderen Schema geordnet werden, ohne sie
zunächst der Größe nach zu bestimmen.”
Weiter hieß es: “Der Ingenieur braucht
Rechenmaschinen, die diese Rechenoperationen automatisch ausführen, indem
der Rechenplan auf einem Lochstreifen festgehalten wird, der die Befehle
für die einzelnen Rechenoperationen selbsttätig und nacheinander an
die Maschine gibt. Die Maschine muß auf ‚Befehl‘ des
Lochstreifens jede verlangte Grundrechnung vollautomatisch ausführen
können.
Ferner muß die Maschine über ein Speicherwerk
verfügen, in welchem die während der Rechnung auftretenden Zahlen der
Nummer nach geordnet werden können, und aus denen durch ein mechanisches
Wählwerk jede gewünschte Zahl abgelesen werden kann. Das Speichern und
Ablesen der Zahlen wird ebenfalls durch den Befehlslochstreifen dirigiert. Ist
es möglich, Rechenmaschinen dieser Art zu bauen, so ist die Art der mit
ihnen zu rechnenden Aufgaben lediglich durch die Größe des
Speicherwerks begrenzt.” Die Speicherwerke seien “sehr einfach und
billig herzustellen, so daß Maschinen mit mehreren hundert Speicherzellen
keine Schwierigkeiten” bereiteten.
Die Maschine sollte durchweg im Dualsystem arbeiten. Die
Multiplikation von Zahlen im Dualsystem erforderte zwar eine größere
Zahl von Einzelmultiplikationen, “dafür sind diese aber in sich
einfacher, da die Ziffernwerte kleiner sind”. Die geplante Maschine
könne eine große Zahl einfacher Operationen besser ausführen als
wenige komplizierte.
Am wichtigsten erschien ihm die einfache Möglichkeit der
Speicherung von Dualzahlen. Im Gegensatz zu den bis dahin üblichen
Speichern für Dezimalzahlen, die als Zahnräder realisiert wurden,
erkannte Zuse bereits damals, daß erst die Verwendung des Dualsystems
echte “Massenspeicher” möglich machen würde. Wenn für
das Potenzieren mit gebrochenen Exponenten und das Wurzelziehen die
logarithmische Rechnung unbedingt gebraucht wurde, so ermöglichte das
Zweiersystem auch hier die Lösung. “Man braucht nämlich nur die
Logarithmen von 1 bis 2 anstatt von 1 bis 10, selbstverständlich in Bezug
auf die Basis 2... Ist die Vorrichtung zum Bilden von Logarithmen einmal
vorhanden, so kann man sie auch zum Multiplizieren und zum Dividieren benutzen.
Es lassen sich also Produkte mit vielen Faktoren fast ebenso schnell bilden wie
die Summe einer Zahlenreihe.”
Ein weiteres Argument für die Verwendung des Dualsystems
sah er in der möglichen Rechengenauigkeit. Während beim Rechnen mit
Dezimalzahlen die mit der kleinsten Genauigkeit darzustellende Zahl gleich 1/10
der mit der größten Genauigkeit ist, war dieses Verhältnis bei
dualer Zahlendarstellung nur 1/2. Die Schwankung der Genauigkeit erwies sich bei
dualen Zahlen als die kleinstmögliche.
Bei der Rechnung mit Geldbeträgen auf den üblichen
Lochkartenmaschinen stand das Komma immer an der gleichen Stelle. Dagegen traten
in den statischen Rechnungen und in der Ingenieurrechnung allgemein Zahlen sehr
unterschiedlicher Größenordnung in der gleichen Formel auf,
beispielsweise die Wärmeausdehnungszahl Epsilon = 0,000 012 und der
Elastizitätsmodul E = 2 100 000. So war es gerade der besondere
Erfahrungsgang des Bauingenieurs und Flugzeugstatikers, der ihn auf die
Behandlung der Kommadarstellung als Schlüsselproblem des
programmgesteuerten Rechenautomaten lenkte. Nach dem Prinzip des in der
Ingenieurarbeit bewährten Rechenschiebers wollte er die Genauigkeit der
Multiplikation derartig unterschiedlicher Zahlen erhöhen. Um auch für
die Addition eine einheitliche Komma-Position zu ermöglichen, verwendete er
eine “halblogarithmische” Zahlendarstellung.56
Zur Arbeit mit Rechenplänen erklärte er:
“Pläne von allgemeiner Bedeutung entsprechen den heutigen
Formelsammlungen und gehören zum dauernden Planbestand eines
Büros.” Auch dabei hielt er sich eng an die Bedürfnisse der
Rechnungen für den Flugzeugbau und führte als Aufgaben, die er als
Statiker bei Henschel bearbeitete, als Beispiele an:
Determinantenberechnung, Auflösung von Gleichungsrastern, Bestimmung der
Beulkriterien für Platten allgemeiner Gestalt, Zusammensetzung von
Spannungen usw.
Diesen “Plänen von allgemeiner Bedeutung”
stellte er “Pläne von spezieller Bedeutung” gegenüber, die
für spezielle Aufgaben aufgestellt werden sollten und
“Allgemein-Pläne” als Teile enthalten sollten.
[5]6 Als Beispiel, das ihm offenbar
als großes Ziel vor Augen stand, führte er ein Rechenplansystem
für die Konstruktion eines ganzen Flugzeugs an, das eine hierarchische
Gliederung aufwies: 1. Gesamtplan, 2. Plangruppen (Luftlasten, Motorlasten,
Knotenlasten, statische Rechnungen), 3. Einzelpläne.
Die Möglichkeit, die gesamte statisch unbestimmte
Rechnung für das Flugzeug in einem Gesamtplan zusammenzufassen, lehnte er
dagegen als unpraktisch ab, “da man zu Korrekturzwecken jedesmal den
ganzen Plan durchrechnen müßte”. Für die Verbindung von
Einzelrechenplänen und Gesamtplan gab er einige Regeln an. “Bei der
Aufstellung des Gesamtplanes, also der Einteilung in Plangruppen und
Einzelpläne, ist es nötig, scharfe Disziplin in den Ausgangs- und
Resultatwerten zu halten. Sie sind die Fäden, die die einzelnen Pläne
miteinander verbinden. Ein bestimmter Einzelplan kann seine Ausgangswerte von
verschiedenen anderen Plänen beziehen und seine Resultatwerte
weitergeben.”
Die Rechenpläne sollten auf einem Formblatt entwickelt
werden, an dessen Anfang die Ausgangs- und Resultatswerte aufgezählt
wurden, die “eindeutig definiert und u. U. in Gruppen eingeteilt”
sein sollten. Es folgte die Liste der durchnumerierten Rechenoperationen.
Vorgesehen waren Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division,
Quadratwurzelziehen. Ein “Wert” entsprach in der Maschine einem
bestimmten Speicherplatz, in dem eine Zahl gespeichert werden konnte. Er wurde
im Rechenplan mit der fortlaufenden Nummer bezeichnet. Wenn ein
“Wert” in der Rechnung nicht mehr gebraucht wurde, konnte seine
Nummer für einen anderen benutzt werden. Bei der Speicherung der neuen Zahl
wurde die bis dahin gespeicherte selbsttätig gelöscht. Wurde das
Ergebnis einer Teiloperation gleich weiterverwendet, so brauchte es nicht
gespeichert zu werden.
Ganz selbstverständlich hatte Zuse die selbstgestellte
Aufgabe des Baus einer automatisch arbeitenden Rechenmaschine durch zumindest
grobe Regeln für die Erstellung der Rechenpläne und Rechenplansysteme
auch auf das Programmieren ausgeweitet. Für ihn gab es damals die
später für den Computerbereich so charakteristische und folgenreiche
Arbeitsteilung in Hardware und Software noch nicht.
Pionierpatente
Im April 1936 reichte Zuse über einen Patentanwalt eine
Anmeldungsschrift mit dem Titel Verfahren zur selbsttätigen
Durchführung von Rechnungen mit Hilfe von Rechenmaschinen beim
Patentamt ein. Die Schrift enthielt etwa die Angaben des erwähnten
Manuskripts, war jedoch nicht so stark auf den Flugzeugbau zugeschnitten. Die
Anmeldung unter dem Aktenzeichen Z23139 enthielt den Hauptanspruch:
“Verfahren zur selbsttätigen Durchführung von Rechnungen, die
sich aus elementaren Rechenoperationen in beliebiger Reihenfolge zusammensetzen,
mit Hilfe von Rechenmaschinen, dadurch gekennzeichnet, daß einerseits die
im Verlauf der Rechnung auftretenden Zahlen gespeichert werden und mittels eines
Wählwerks jederzeit einer Rechenvorrichtung zur Verfügung stehen,
andererseits die erforderlichen Operationen ausgelöst und gesteuert werden
durch das Abtasten eines Rechenplanes, der für jede Operation die
auszuführende Grundrechnungsart, die Nummern der die jeweils erforderlichen
Zahlen enthaltenden Speicherzellen und die Nummer der das Resultat speichernden
Zelle fortlaufend und selbsttätig angibt.” Der Anspruch umfaßte
auch die Möglichkeit, daß als Rechenwerk dezimal arbeitende
Vierspeziesmaschinen verwendet wurden.
Während diese erste Patentanmeldung ein
“Verfahren” betrag, war die vollständig dual arbeitende
Maschine Gegenstand einer weiteren Anmeldung vom Dezember 1936: “Im
Sekundalsystem arbeitende Rechenmaschine, dadurch gekennzeichnet, daß
sowohl die eigentlichen Rechenoperationen wie Addition, Subtraktion,
Multiplikation, Division und Quadratwurzelziehen als auch die Übersetzung
der Dezimalzahlen in Sekundalzahlen und umgekehrt nach Auflösung in
einzelne Additionen auf derselben Rechenvorrichtung durchgeführt werden,
indem die Übersetzung durch ziffernweisen Auf- bzw. Abbau der Zahl mit
dazwischenliegender Multiplikation mit 10 erfolgt.”
Bei dem grundsätzlichen Charakter der Anmeldungen
wären intensive Studien auch ausländischer Patentschriften zum
Nachweis der Neuheit und zur Abgrenzung gegenüber dem bereits bekannten
erforderlich gewesen, worauf Zuse verzichtete – aus Mangel an Geld und
Zeit; wahrscheinlich aber auch an qualifizierter Beratung.
Es sollte eine sehr folgenreiche Unterlassung bleiben. Das
Patentamt machte beide Anmeldungen “mangels Offenbarung” gar nicht
erst bekannt. Zuse ersetzte beide Patentschriften 1941 durch eine
präzisierte und umfangreichere Neuanmeldung und mußte dafür die
alte zurückziehen. Das Prioritätsjahr 1936 ging damit
verloren.
Er hielt den Bau einer funktionierenden Maschine für
vorrangig. Diese Entscheidung ist in seiner Situation, in der jede
Auftragserteilung von einer überzeugenden Demonstration eines Prototyps
abhängen mußte, nachvollziehbar. Hätte er damals die Anmeldung
unanfechtbar formuliert und mit dem nötigen Nachdruck beim Patentamt
vertreten, wäre auf seine Erfindung mit ziemlicher Sicherheit ein
außerordentlich weitreichendes Patent erteilt worden. Ein erteiltes Patent
hätte ihm bei Verhandlungen mit Firmen wegen Fertigung und Vertrieb mehr
Handlungsspielraum gegeben.
Seine Ansprüche wären geschützt gewesen und die
Befürchtung, bei der Nutzung seiner Ideen einfach übergangen zu
werden, wären weitgehend gegenstandslos gewesen. Der fehlende Patentschutz
war zweifellos für seine isolierte Situation in den Kriegsjahren und noch
mehr im für die internationale Computerentwicklung so wichtigen Jahrzehnt
nach dem Ende des Kriegs entscheidend verantwortlich. Seine praktischen
Aktivitäten der folgenden Jahre, die zum Bau seiner Maschine führten,
förderten seine Anmeldungsverfahren nur in der Vermehrung der
Detailansprüche.
Die Kriegs- und Nachkriegsjahre, die Schließung des
Patentamtes zwischen 1944 und 1949 und der Aufbau der neuen Firma in den 50er
Jahre sollte dann ein mit großem Aufwand erhobener Einspruch der Firma
Triumph, die auch die Interessen der ungenannt bleibenden IBM vertrat, zu
einem langen Verfahren führen, das erst 1967 mit der Ablehnung des
Zuseschen Anspruches durch das Bundespatentgericht mangels Erfindungshöhe
endete. Die Gegenschriften wären bei der Aufrechterhaltung des
Prioritätsjahres 1936 weitgehend gegenstandslos
gewesen.56
Die Arbeiten bis zum Kriegsausbruch
Nach seiner Kündigung bei Henschel begann Zuse
1936 in der elterlichen Wohnung mit dem Bau einer rein mechanisch arbeitenden
Rechenmaschine. Er hatte ein vollständiges Konzept und konnte nach sechs
Wochen Arbeit das Mustermodell eines rein mechanischen dualen Speichers
vorführen. 1938 sah er eine erste, aus mechanisch funktionierenden
Baugruppen zusammengefügte Maschine aus “Teilen von Rollenlagern,
Glasplatten, Blechen und Gestängen” als “fertig”
an.
1968 sollte er die rein mechanische Konstruktion als Fehlweg
bezeichnen. Als sich jedoch die Möglichkeit einer erneuten Realisierung mit
modernsten technischen Mitteln und der Unterstützung der Siemens AG
bot, setzte zwischen 1983 und 1989 der auf 80 Jahre zugehende Zuse noch einmal
seine ganze Energie ein, um die rein mechanische Maschine aus dem
Gedächtnis zu rekonstruieren. Sie wird heute im Berliner Museum für
Verkehr und Technik einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert,
für die der moderne elektronische Computer mit Tastatur und Bildschirm zum
Alltag gehört.
Einer seiner Freunde und Mitarbeiter, der
Fernmeldetechnikstudent Helmut Schreyer, baute eine elektrische Laubsäge,
mit der Tausende von Blechen für die Schaltglieder maschinell
ausgesägt wurden. Derartige Arbeiten konnten seine Freunde ohne weitere
Kenntnisse ausführen. Zuse entwickelte nach seinen eigenen
Überlegungen nicht nur die Speicher- und Additionsschaltungen, sondern auch
die komplizierten Steuerschaltungen für die Gleitkommaarithmetik. Im
Zusammenhang mit diesen immer auf die praktische Funktion ausgerichteten
Arbeiten, entwickelte er eine eigene Theorie der Bedingungskombinatorik, der er
dann durch das Studium der klassischen Arbeiten zum Aussagenkalkül weiter
ausbauen konnte. Auf diese Weise übertrug er den vollkommen abstrakt
formulierten Aussagenkalkül der mathematischen Logik “ganz
unverfroren” und mit Erfolg auf seine praktischen Probleme der
Relaisschaltungen. Es gelang ihm, die einzelnen Baugruppen in der raum- und
geldsparenden mechanischen Schaltgliedtechnik aufzubauen, so daß sie
“zufriedenstellend” arbeiteten.
Die Fertigstellung der Gesamtanlage scheiterte jedoch beim
Zusammenbau, der ebenfalls mechanisch mit Gestängen und Hebeln erfolgen
sollte.
Zuses Konzept beruhte auf der Vorstellung, daß seine
Maschine einmal in Serien von mehreren hundert Stück gebaut werden
würde.
Voraussetzung für eine Serienfertigung wäre gewesen,
daß ein Industriebetrieb mit der entsprechenden technischen Kapazität
Konstruktion, Fertigung und Vertrieb übernommen hätte. 1937
stieß Zuse bei seiner Suche nach einem Finanzier bei dem Fabrikanten
für Artillerierechner, Kurt Pannke, auf Interesse. Pannke, der in den 20er
Jahren als Konkurrent von Siemens und Zeiss aufgetreten war, kam
in die Werkstatt und ließ sich von dem bis dahin verwirklichten Aufbau der
ersten Maschine so weit überzeugen, daß er einen Kredit zur
Verfügung stellte.
Zuse hatte sich zuvor noch an keines der Unternehmen der
Rechenmaschinenbranche gewandt, wohl aber deren Einschätzung zu seinem Plan
ermittelt: “Große und kostspielige Rechenmaschinen für
Wissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure zu bauen, erschien absurd und
versprach keinen gesellschaftlichen Erfolg. Solche Leute hatten doch kein Geld.
Und dann die geringen Stückzahlen!” Die Aussicht auf mangelnden
geschäftlichen Erfolg hielt Zuse jedoch nicht von seiner Entwicklungsarbeit
ab. Pannke, der Zuse zwar die bereits zitierte Einstellung des
Rechenmaschinenexperten Christel Hamann entgegenhielt und der selbst durch die
Probleme der analogen Feuerleitungsrechner geprägt war, stellte doch
1937/38 rund 7 000 Reichsmark ohne weiteren Vertrag zur Verfügung. Trotzdem
blieb Zuse – offenbar nicht ganz ungewollt – nur noch die
Möglichkeit, den Weg des klassischen Erfinder-Unternehmers
einzuschlagen.
Als sich 1938 die Arbeiten an der mechanischen Maschine
hinzogen, kam er zu der Überzeugung, daß die Anforderungen der
Konstruktion einer so komplizierten Maschine die Grenzen der Basteltechnologie
überschritten. Schreyer drängte auf die Ersetzung der blechernen
Mechanismen durch die bewährten elektromechanischen Fernsprechrelais. Da
neue Relais trotz des Kredits von Pannke zu teuer waren, wandten sie sich mit
Erfolg an einen Altwarenhändler, der ihnen außerdem einige alte
Drehwähler verkaufte. Nach Reinigung und Justierung der Relaiskontakte
erwies sich die Arbeitsgeschwindigkeit der Schaltung als höher, die Montage
als bedeutend einfacher als bei der mechanischen Ausführung. Für die
später als Z1 und Z2 bezeichneten, nicht funktionsfähigen
Versuchsmaschinen hatte Zuse “einige tausend Mark”
aufgewendet.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erhielt er sofort seine
Einberufung. Es gelang jedoch, eine Freistellung als Statiker bei
Henschel zu erreichen, und bereits im Frühjahr 1940 arbeitete er
während seiner Freizeit wieder an den Maschinen. Die zweite Maschine
funktionierte nur ein einziges Mal – jedoch zum richtigen Zeitpunkt: als
Alfred Teichmann, Professor für Statik, und einige seiner Kollegen von der
Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) seine Werkstatt
aufsuchten. Diese Vorführung brachte einen Auftrag der DVL ein. Zuse
stellte die Z2 beiseite und konzentrierte sich auf die bereits begonnene neue
Maschine Z3.57
Ein Rechenautomat mit Radioröhren?
Dem Fernmeldetechniker Schreyer waren die
Lochstreifengeräte der Fernschreibtechnik bekannt. Er schlug vor, als
Lochstreifen einen üblichen Kinofilmstreifen zu verwenden. Schreyer war
auch mit Fragen der Codierung aus der Fernschreibtechnik vertraut, deren
Lochsystem sich mit Zuses Ja-Nein-Prinzip gut
ergänzte.
[5]7
Er machte bereits vor 1938 den damals für Zuse
verblüffenden Vorschlag, die Rechenschaltungen mit Elektronenröhren
und Glimmlampen zu realisieren. Zuses abstrakte Schaltpläne, mit denen
Rechenschaltungen sowohl in mechanischer Schaltgliedtechnik als auch in
elektromechanischer Relaistechnik darstellbar waren, machte den
Schaltungsentwurf von der Technologie unabhängig. “Man brauchte doch
nur die Grundschaltung in Röhrentechnik für die drei Grundoperationen
Konjunktion, Disjunktion und Negation zu finden, ein passendes Speicherelement
und Mittel, um diese Elemente zusammenzuschalten. Die Aufgabe war klar: Wir
brauchten kein völlig neues Gerät in elektrischer Technik zu bauen,
sondern den Entwurf nur in ‚abstrakter Schaltgliedtechnik‘, das
heißt formal mit symbolischen Elementen auszuführen. Unabhängig
davon konnten die logischen Grundschaltungen entwickelt werden. Das gab eine
gute Arbeitsteilung.”
Schreyer arbeitete 1938 bei Professor Wilhelm Stäblein
in der Abteilung Fernmeldetechnik des gerade in Institut für
Schwingungsforschung umbenannten Heinrich-Hertz-Instituts und war
seit 1939 Assistent am Institut für Fernmeldetechnik der TH, das ebenfalls
von Stäblein geleitet wurde.
Schreyer entwickelte eine elektronische Grundschaltung, bei
der eine Röhre den Elektromagneten und eine Glimmlampe die Kontakte des
elektromechanischen Relais ersetzten. Zur Demonstration der
Schaltgeschwindigkeit dieser elektronischen Relais und der Möglichkeit, sie
gegenseitig zu verschalten, baute er ein als “Relaiskette”
bezeichnetes Schieberegister auf, das er 1938 zusammen mit Zuse voller Erwartung
seinen Institutskollegen vorführte. Der dabei zur Sprache gebrachte Plan
eines elektronischen Rechners nach der Zuse-Konzeption mit rund 2 000
Röhren und einigen 1 000 Glimmlampen stieß jedoch auf Zweifel und
Ablehnung der mit der Röhrentechnologie vertrauten Institutsmitarbeiter.
Allein der Fachmann für Fernwirktechnik, Stäblein, habe die neuen
Möglichkeiten anerkannt, berichtete Zuse später.
Schreyer befaßte sich in den folgenden Jahren als
Assistent mit kriegswichtigen Arbeiten, darunter einem Beschleunigungsmesser
für die V2-Rakete, Detektoren für nicht explodierte Bomben und
Umsetzern von Radar-Analog-Werten in akustische Signale für Jagdflugzeuge.
Er konnte die Relaiskette als neuartigen Frequenzteiler vorstellen, der von 1
bis 5 000 Hertz einwandfrei arbeitete. Eine größere Rechnerschaltung
scheiterte am Materialmangel.
Wenige Tage nach Kriegsbeginn schickte er ohne Erfolg einen
Bericht über den Stand der Entwicklungsarbeiten an der Rechenmaschine an
die Marine, um von dort über einen Entwicklungsauftrag die Freistellung
für den bereits eingezogenen Zuse zu erwirken. Die Herstellung von
Artillerierechnern für die Marine lag fest in der Hand von Firmen wie der
SAM, die ihre erprobten Analoggeräte einbaute. Eine Umstellung auf die von
Zuse und Schreyer entwickelte elektromechanische oder gar elektronische digitale
Technologie mußte damals nicht nur unnötig, sondern auch riskant
erscheinen. Die Überlegenheit des digitalen Prinzips für die
Feuerleitung war bei der Arbeitsgeschwindigkeit der Relaisrechner nicht gegeben,
und elektrische und elektronische Rechengeräte wurden vom Militär noch
insgesamt abgelehnt.
Eine Patentanmeldung Schreyers vom November 1940 mit der
Bezeichnung “trägheitsarme Relaisschaltungen in Analogie zum
elektromagnetischen Relais” führte die folgenden Vorteile des
elektronischen gegenüber den gebräuchlichen elektromechanischen Relais
auf: hohe Schaltgeschwindigkeit und –sicherheit, da keine Schaltkontakte
verschmutzen konnten; die Möglichkeit der gleichzeitigen Betätigung
mehrerer, voneinander unabhängiger Stromkreise; der unstetige Übergang
der Schaltvorgänge, die Lageunempfindlichkeit und das geringe
Gewicht.
Im August 1941 reichte Schreyer seine Dissertation ein, die
unter dem Titel “Das Röhrenrelais und seine Schalttechnik” auch
die in der Patentschrift beschriebenen Schaltungen behandelte. Allerdings
enthielt keine der beiden Schriften die von Zuse angegebenen und geforderten
logischen Bezeichnungen für die Schaltungen. Als Ziel der Dissertation, die
am Institut für Fernsprech- und Telegraphentechnik bei Professor
Stäblein vorgelegt wurde, gab Schreyer die “Lösung von Problemen
der Steuerungstechnik” an. “Wenn man vom wirtschaftlichen Standpunkt
absieht, kann man sogar sagen, daß die Schaltungstechnik in der Lage ist,
die Funktionen eines jeden Getriebes beliebiger Art
nachzubilden.”
Schreyer benutzte an keiner Stelle Begriffe aus der Logik,
sondern – wie bereits Hamann – diejenigen der analogen
Getriebelehre, die damals, anknüpfend an die Lehre von Franz-Reuleaux, am
Lehrstuhl für Fernmeldetechnik der Berliner Technischen Hochschule von
Professor Rudolf Franke betrieben wurde.
Der einzige Satz, in dem eine Rechenmaschine erwähnt
wird, lautete: “So ist es auch möglich, z. B. das mechanische
Getriebe einer Rechenmaschine durch elektromagnetische Relais zu ersetzen, eine
Bauweise, die den Vorteil einer größeren Freizügigkeit in der
Gestaltung hat, da man nicht so sehr an die räumliche Anordnung gebunden
ist.” Über die Gründe für diese Zurückhaltung
gegenüber Zuses Plänen, die ja nirgends publiziert waren, soll hier
nicht spekuliert werden.
Zuse und Schreyer trugen ihren Plan auch beim
Oberkommando des Heeres (OKH) vor, wo ihn der zuständige Offizier
wegen der zwei bis drei Jahre erforderlichen Entwicklungszeit jedoch rundweg
ablehnte. Er war nur an einem Gerät interessiert, das in kurzer Zeit
hätte geliefert werden können. Bezeichnenderweise teilen die
Erinnerungen Zuses und Schreyers nichts über ihre damalige
Einschätzung der erforderlichen technischen und personellen Voraussetzungen
für das Projekt mit. Es war damals unmöglich, den Aufwand realistisch
einzuschätzen. Alfred Teichmann von der DVL erklärte sich jedoch zur
Finanzierung eines kleinen Versuchsmodells bereit. Zuse entwarf einen Umwandler
von dreistelligen Dezimalzahlen in Dualzahlen, der mit festen Programmen
arbeitete. Die Firma Telefunken fertigte 150 der von Schreyer
entwickelten neuen Spezialröhren. Mit einer schnellschaltenden Glimmlampe
konnte er die als “kriegswichtig” erklärte Arbeit am Lehrstuhl
für Fernsprech- und Telegraphentechnik durchführen. Die elektronischen
Relais wurden in Zuses inzwischen gegründeter Firma
zusammengebaut.
Gleichzeitig entwickelte Schreyer ein Parallelspeicherwerk
aus Spezialglimmlampen. Da die Dringlichkeit, trotz Kriegswichtigkeit, geringer
war als die der anderen Arbeiten Schreyers, wurde das Versuchsmodell erst etwa
Anfang 1943 fertig. Verschiedene Verbesserungen ermöglichten bald eine
Schaltfrequenz von 10 000 Hertz.
Als der schwere Luftangriff vom 12. November 1943 auch die TH
traf, wurde das Versuchsmodell beschädigt. Eine Reparatur verzögerte
sich wegen der nun immer häufigeren Luftangriffe. Zuse nahm Schreyers
Demonstrationsmodell in den letzten Kriegstagen mit nach Göttingen, wo es
samt einem Koffer mit Spezialröhren verlorenging. Schreyer beteiligte sich
1947 noch an einem von der britischen Marine organisierten Treffen von
Rechenmaschinen-Fachleuten in Göttingen. 1949 wanderte er nach Brasilien
aus. Er wies später darauf hin, daß neben Zeit- und Geldmangel vor
allem das fehlende Personal eine Weiterentwicklung der elektronischen
Rechenanlage verhindert hatte. Eine Hilfe von Laien, wie sie bei Zuses
mechanischen Entwicklungen noch möglich war, hätte beim Bau der
elektronischen Maschine nicht viel genutzt.58
Zusammenarbeit mit der DVL ...
Professor Alfred Teichmann arbeitete mit einer Statikergruppe
bei der DVL bereits seit langem an der Erforschung des Flattereffekts bei
Flugzeugen und suchte nach Möglichkeiten zur Beschleunigung der
umfangreichen Rechenarbeiten. Jeder Flugzeugentwurf erforderte eine individuelle
Untersuchung der Flattereigenschaften. Jede Rechnung nahm 100 bis 400
Arbeitsstunden in Anspruch und erhöhte sich bei Variationsbetrachtungen auf
das zehn- bis 15-fache.
Erst im Dezember 1941 teilte Teichmann vor den Mitgliedern
der Akademie für Luftfahrtforschung in einem Vortrag die Verwendung von
selbsttätigen Rechengeräten als Grundbedingung für eine
wünschenswerte Gestaltung der Flatterberechnung mit. Auch der führende
Flugzeugtheoretiker und Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für
Strömungsforschung, Ludwig Prandtl, horchte damals auf.
Teichmann verwendete sich dafür, daß die DVL Zuses
Arbeit förderte. Das Ergebnis war die erwähnte Teilfinanzierung der im
Sommer 1940 von Zuse selbst bereits begonnenen dritten Maschine. Die
Teilfinanzierung der DVL und der Rest der von Dr. Pannke geliehenen Mittel
reichten jedoch wieder nur für einen Aufbau mit gebrauchten
Relais.
Im Mai 1941 konnte er diese dritte Maschine erstmals voll
funktionsfähig vorführen. Speicher und Rechenwerk des noch immer in
der Wohnung der Eltern stehenden Apparats waren in elektromechanischer
Relaistechnologie ausgeführt. Er charakterisierte sie später als
“verhältnismäßig betriebssicher”. Sie wurde
Vertretern verschiedener Dienststellen vorgeführt, jedoch nie im
Routinebetrieb eingesetzt. 1943 fielen Haus, Wohnung und Maschine den Bomben zum
Teil, 1944 ganz zum Opfer. Viel später meinte Zuse, daß die Maschine
von denen, die von ihr wußten, mehr oder weniger als Spielerei angesehen
wurde und überhaupt nur verwirklicht werden konnte, weil sich einige
Freunde und er selbst in der Freizeit dafür eingesetzt
hätten.
Als Gesamtkosten der später als “Z3”
bezeichneten Maschine nannte er später einmal 23 000 Reichsmark. Die
Maschine galt als Provisorium und Muster für die wirklich verwendbare
Nachfolgemaschine “Z4”, an deren Bau bereits 1941 begonnen worden
war. Die seit den 50er Jahren üblichen Bezeichnungen “Z1” bis
“Z4” entstanden erst in der Nachkriegszeit, als die Firma Zuse KG
die Numerierung ihrer Typen mit Z5 fortsetzte. Tatsächlich liefen die
verschiedenen Entwicklungen unter der Bezeichnung
“Versuchsgerät” V1 bis V4, was ihrem provisorischen Charakter
entsprach.
... und mit der Henschel-Flugzeug-Werke AG
Seit Zuse 1936 bei Henschel gekündigt hatte,
arbeitete er in der elterlichen Wohnung in der Berliner Methfesselstraße
10. Nachdem er als Freischaffender am 26. August 1939, bereits einige Tage vor
dem offiziellen Kriegsausbruch, zur Infanterie eingezogen worden war, gelang die
Freistellung zum März 1940 wiederum nur als Statiker bei der
Henschel-Flugzeug-Werke AG, wo er anfangs voll, seit September 1941 nur
noch für eineinhalb Tage in der Woche beschäftigt war. Zu dieser Zeit
leitete er die Gruppe “Statik” von Professor Herbert Wagners
“Sonderabteilung F”. Dabei führte er sämtliche
Festigkeitsversuche durch, stellte die Lastannahmen gemeinsam mit der
Prüfstelle des Oberkommandos der Luftwaffe (OKL) auf und vertrat
gegenüber dieser Stelle die ermittelten Festigkeitsnachweise für die
als “F-Geräte” bezeichneten ferngesteuerten Bomben.
Wagner, der bereits durch den aerodynamischen Entwurf der
Junkers-Flugzeuge bekannt geworden war, hatte seit Januar 1939 bei
Henschel eine Abteilung für die Entwicklung und Fertigungskontrolle
der als Hs293 und Hs294 bezeichneten ferngelenkten “fliegenden
Bomben” eingerichtet. Um ein möglichst einfaches Fernlenksystem
verwenden zu können, mußte jede Stelle der Oberfläche sehr genau
bekannt sein, weshalb Wagner Flügel und Leitwerke aus dem Vollen
fräsen ließ. Später ging er auf die im Flugzeugbau
üblichen, billigeren Blechteile über, deren Oberflächenform
jedoch nicht so genau einzuhalten war.
Um die Abweichungen der Oberfläche durch eine Korrektur
der Flügel und des Leitwerks ausgleichen zu können, mußten die
Ungenauigkeiten der aerodynamischen Flächen an jedem einzelnen
Flugkörper sehr genau gemessen werden. Die mittels einer
Meßbrücke mit etwa 100 analog anzeigenden Meßuhren ermittelten
Daten wurden im Zweischichtbetrieb mit etwa einem Dutzend Tischrechenmaschinen
in die nötige Leitwerkskorrektur umgerechnet. Als sich diese Maschinen der
Dauerbeanspruchung nicht gewachsen zeigten, bot Zuse Wagner an, die Berechnungen
in einem speziellen Rechengerät automatisch ausführen zu lassen. Er
baute aus 800 Relais ein Spezialrechengerät mit festem Programm und
Festkommarechnung.
Das Gerät, dem bald ein zweites folgte, arbeitete von
1942 bis 1944, als es den Bomben zum Opfer fiel, ununterbrochen Tag und Nacht.
Damit war die Zuverlässigkeit der elektromechanischen Rechner erstmals
bewiesen. Zuse, der seit 1941 immer mehr in seiner eigenen, neugegründeten
Firma tätig war, blieb jedoch der einzige, der es warten konnte. Selbst
jetzt, als sich sein System bewährte, erfolgte keine breitere
Einführung in die Industrie.
Später versuchte Zuse erfolgreich, auch die Abtastung
und Eingabe der Meßwerte in das Rechengerät zu automatisieren.
Dafür war es erforderlich, die analog gemessenen Werte mechanisch in
digitale umzuwandeln. Wagner erteilte den notwendigen Auftrag und verzichtete
auf eine erprobte, in den Kasseler Fieseler Werken entwickelte
Meßbrücke, die vermutlich für die Entwicklung und Fertigung der
später als V1 bezeichneten Flügelbombe Fi-103 verwendet worden
war.59
Theoretische Arbeiten in der Isolation
Bezeichnend für die Situation Zuses von 1936 war,
daß selbst noch der elektrische Fernsprechrelaisaufbau zu kostspielig und
zu aufwendig war, weshalb er zu der erwähnten, rein mechanischen Anordnung
überging und dabei zu einem System kam, das er als “mechanische
Schaltgliedtechnik” bezeichnete. Die Entwicklung eines derartigen
Speichers war einfacher, weil er zunächst völlig davon absehen konnte,
daß “Zahlen” festgehalten werden sollten, und weil nur die
Bildung von Ja-Nein-Wertkombinationen möglich sein mußte. Auch der
Aufbau der Vorrichtung zur Ansteuerung der Speicherzellen erfolgte konsequent im
dualen Zahlensystem. Das Volumen des geplanten 1 000-Zellen-Speichers sollte nur
einen halben Kubikmeter groß sein. Der entsprechende Relaisspeicher mit
rund 40 000 Relais hätte mehrere Schränke gefüllt.
Auch bei den eigentlichen Rechenschaltungen hielt Zuse
konsequent an dualen Konstruktionselementen fest. Die Erkenntnis, daß dies
überhaupt möglich war, bezeichnete er später als “einen
wichtigen Wendepunkt in der Rechengeräte-Entwicklung überhaupt”
und als “den Schlüssel zu einer neuen Welt des Rechnens”.
Spätestens seit 1936 beruhten alle Konzepte Zuses auf der Überzeugung,
daß nicht nur Speicher und Rechenwerk, sondern das gesamte
Rechengerät einschließlich aller Steuereinrichtungen nach dem Prinzip
der Ja-Nein-Werte aufzubauen waren.
Wie faszinierend die sich eröffnenden Gedankengänge
für Zuse waren und wie weit er sie sofort erfaßte, geht daraus
hervor, daß er sich bereits 1936 mit Überlegungen zu einem
“mechanischen Gehirn” befaßte. Im Juni 1937 notierte er in
seinem Tagebuch im Zusammenhang mit dem künstlichen Gehirn die
Feststellung, “daß es ‚Elementaroperationen‘ gibt, in
die sich sämtliche Rechen- und Denkoperationen auflösen lassen”.
Die Elementaroperation bestand nach seiner Erkenntnis im Vergleich zweier
Dualziffern auf Gleichheit, wobei das Resultat wieder als Dualziffer angegeben
werden konnte.
Bereits für den Bau der ersten Maschine entwickelte er
eine besondere theoretische Methode. Das duale System ermöglichte und
verlangte es, die Maschine in allen möglichen Kombinationen von
Schaltzuständen der einzelnen dualen Schaltelemente theoretisch zu
durchdenken. Bei den Dezimalmschinen mit Zahnrädern hatte es nie den Ansatz
einer theoretischen Systematik zur Erfassung sämtlicher möglicher
Kombinationen von Zahneingriffen zwischen den einzelnen Zahnrädern gegeben.
Das war auch nicht unbedingt nötig, da die Zahl der Zahnräder
zumindest in den digitalen Maschinen im Vergleich zur Zahl der Schaltelemente
der Dualrechner gering war. Auch deshalb kam es nie zu einer
abstrakttheoretischen Beschreibung der dezimalen Maschinen, so daß deren
Weiterentwicklung auch hier eine Grenze gesetzt war.
Es ist zweifellos einer der eindrucksvollsten Züge
Zuses, daß er den richtigen theoretischen Ansatz fand und daß er
dessen Bedeutung von Anfang an in einer Weise einschätzte, die erst zwei
Jahrzehnte später als realistisch gelten konnte. Seine Überlegungen
enthielten Lücken, brauchten aber nie revidiert zu werden. Erst später
erfuhr er von den Arbeiten, die Claude Shannon etwa gleichzeitig in den USA
durchgeführt und publiziert hatte.
Er gelangte vom “mehr oder weniger unsystematischen
‚Herumknobeln‘” zu den logischen Gesetzmäßigkeiten.
Die bereits 1935/36, bei Beginn der Arbeiten an seiner ersten Maschine
vorhandenen Ideen baute er während der praktischen Arbeit in den folgenden
Jahren aus.
[5]9
Er berichtete später, daß sich der Entwurf der
kompliziertesten Steuerungsorgane seiner Maschine zur Entwicklung der schon
erwähnten “Bedingungskombinatorik” gut eignete und faßte
diese anfangs als praktische Konstruktionshilfe entwickelten Regeln 1938 in
einem Manuskript “Einführung in die Dyadik, Vorarbeiten zur
Schaltungsmathematik” zusammen. In dem Bewußtsein, damit einen
Beitrag zur Wissenschaft der Mathematik zu leisten, erwähnte er diese
Gedanken gegenüber seinem ehemaligen Mathematiklehrer, der ihn auf die
klassischen Arbeiten zum Aussagenkalkül der mathematischen Logik hinwies.
Zuse beschäftigte sich seither intensiv mit Arbeiten von Gottlob Frege,
Ernst Schröder und David Hilbert.
Als er die grundlegenden Arbeiten der mathematischen Logik
endlich kennenlernte, konnte er sie sofort als “Werkzeug” verwenden.
Besonders die Schaltungen für die arithmetischen Operationen mit Zahlen in
halblogarithmischer Darstellung erwiesen sich als so kompliziert, daß ihre
Realisierung ohne den mathematisch ausgearbeitenen Formalismus kaum möglich
gewesen wäre. Der Entwurf der Addierwerke mit der Bedingungskombinatorik
und mathematischen Logik bestärkte ihn in dem weitreichenden Gedanken,
“grundsätzlich alle Angaben” in Ja-Nein-Werte
aufzulösen.
Der theoretische Weg, den er zur Entwicklung der eigentlichen
Rechenschaltungen entwickelt hatte, konnte er auch beim Entwurf aller anderen
Komponenten seiner Rechenmaschinen, insbesondere der Steuerungseinrichtungen,
beibehalten. Damit ging das Dualprinzip, das sich anfangs nur als optimale
Möglichkeit der Zahlendarstellung angeboten hatte, weit über die
Anwendung für den mit Dezimalzahlen üblichen Rechenbereich hinaus. In
der Folge begann er mit der Ausarbeitung einer “Theorie des allgemeinen
Rechnens”, mit der er nichts weniger als das gesamte Gebiet
“Rechnen” auf eine höhere Stufe heben wollte. Er hielt sich
dabei von Diskussionen zurück, verzichtete von vornherein auf die
Zustimmung anderer und hing diesen Überlegungen nach, während er seit
Kriegsausbruch im September 1939 bis zum März 1940 Soldat war.
Kurz vor Kriegsausbruch hatte er noch das Schachspiel
erlernt, das er für ein gutes Modell hielt, um ein
Rechenmaschinenkalkül zu entwickeln und zu erproben. Er versuchte, die
komplizierte Verflechtung von Bedingungen und Fallunterscheidungen mit der
mathematischen Logik zu formalisieren. Später meinte er, daß seine
Militärzeit deshalb wesentlich zur Klärung seiner Gedanken beigetragen
habe.
Als ihm 1941/42 die Firma Henschel Arbeitskräfte
zur Verfügung stellte, kam auch der Mathematiker Hans Lohmeyer in seine
Firma, der als Schüler des Professors für mathematische Logik und
Grundlagenforschung an der Universität Münster, Heinrich Scholz, als
erster ausgewiesener Logiker mit Zuse diskutierte. Zusammen studierten sie
Arbeiten von Frege und die 1928 erstmals erschienenen Grundzüge der
theoretischen Logik von David Hilbert mit dessen Schüler Wilhelm
Ackermann. Zuses weiterreichendes Ziel war damals die Entwicklung einer
universellen Sprache, in der man sich mit dem bereits erwähnten
künstlichen Gehirn unterhalten konnte. Dafür studierte er auch die
Kunstsprache Esperanto und Rudolf Carnaps Logische Syntax der Sprache.
Shannons Arbeit von 1938 war ihm noch nicht bekannt. Er fühlte sich jedoch
durch zwei Aufsätze von Hansi (Johanna) Piesch in seinen Theorien
bestätigt.
Ende 1942 entstand ein Kontakt zu Alwin Walther in Darmstadt,
und Zuse bemühte sich, seine “Theorie des Allgemeinen Rechnens”
in einer Doktorarbeit zusammenzufassen. Er konnte diese anspruchsvolle
Ausarbeitung aber weder während der Kriegsjahre noch während der
Nachkriegszeit fertigstellen. Es dürfte auch nicht ohne Probleme gewesen
sein, eine derartige Arbeit bei Walther unterzubringen, der der Anschaulichkeit
analoger Technik den Vorrang gab.
1944 traf Zuse in Berlin mit Scholz persönlich zusammen.
Ein anerkennendes Urteil über die Anwendung des Logikkalküls in der
“Dissertation von Herrn Dipl.-Ing. K. Zuse”, das Scholz
verfaßte, entstand im März 1945. Dort heißt es: “In der
vorstehenden Arbeit ist der Logikkalkül planmäßig eingesetzt zur
Lösung von rechen- und schaltungstechnischen Aufgaben, die wohl
umschriebenen, weitgehenden Ansprüchen genügen. Die
planmäßige Einsetzung des Logikkalküls für solche Zwecke
ist die erste in ihrer Art. Sie darf als ungewöhnlich originell und
anregend bezeichnet werden. Die volle Beherrschung des Logikkalküls in den
Grenzen, in denen er in Anspruch genommen wird, ist zusätzlich
festzustellen.” Zuse berichtet auch, daß sich Scholz der Frage nach
dem künstlichen Gehirn gegenüber sehr aufgeschlossen gezeigt
habe.
Zu einer weiteren Begegnung mit Scholz kam es jedoch auch
später nicht mehr, als die Bedeutung der digitalen Rechenautomaten
offensichtlich wurde. Zuse verzichtete auf eine Publikation dieser
größeren Arbeit. Es mußte ihm inzwischen klar geworden sein,
daß die akademische Anerkennung für eine neue Rechentechnik oder gar
für ein neues theoretisches System für sein Unternehmen praktisch
unverzichtbar war.
Im gleichen Jahr arbeitete er auf dem Papier verschiedene,
weit über seine gebauten Maschinen hinausreichende Entwürfe und
Pläne für Rechner mit Programmspeicherung und Adressenumrechnung aus.
Der Entwurf für eine entsprechende Patentschrift enthielt auch den Plan
für einen assoziativen Speicher. Als notwendige theoretische Voraussetzung
für die Programmierung dieser komplizierten Maschinen entwarf er eine neue,
umfassende, als “Plankalkül” bezeichnete Systematik, auf deren
Bedeutung später eingegangen werden soll.
Ein theoretischer Fixpunkt: Die “logistische
Rechenmaschine”
Ein weiteres Ergebnis der Beschäftigung mit der
mathematischen Logik war der Entwurf einer “logistischen
Rechenmaschine”, den Zuse noch im Oktober 1944, kurz vor der
Schließung des Patentamtes, zur Patentanmeldung einreichte. Der
einleitende Satz der Anmeldungsschrift zeigte, daß auch hier, ähnlich
wie beim “künstlichen Gehirn”, eine Maschine mit
außerordentlich allgemeinem Charakter angestrebt wurde, “eine
Rechenvorrichtung zum Ableiten von Resultatangaben aus irgendwelchen gegebenen
Angaben nach einer Vorschrift”.
Die mit der Rechenvorrichtung zu lösenden Aufgaben
umfaßten nicht nur numerische Probleme, sondern darüber hinaus
“ein Rechnen mit Zuständen, Begebenheiten und Bedingungen”.
Zuse definierte das Rechnen als “das Ableiten von Resultatangaben aus
irgendwelchen Angaben nach einer Vorschrift”.
Die Anmeldeschrift mit 39 Patentansprüchen beschrieb als
Anwendungsbeispiel die Verwendung der “logistischen Rechenmaschine”
zur “Erfassung der Gefolgschaftsmitglieder von Großbetrieben”:
Jede Person sollte über eine Anzahl verschiedener Kennzeichen erfaßt
werden, z. B. a = männlich, b = Inländer, c = verheiratet usw. Die
Kennzeichen wurden nicht als Zahlen verschlüsselt, wie es bei den
Lochkartensystemen seit langem üblich war, sondern als
“Aussagen” im logischen Sinne
aufgefaßt und verrechnet. Personen mit
einer bestimmten Kombination von Eigenschaften sollten durch eine
“logistische Formel” ausgewählt werden. Zum Beispiel
erfaßte die Formel (a&b&c) v (â&b&c) alle Personen,
die entweder männlich oder weiblich, Inländer und verheiratet
waren, kurz: alle verheirateten Inländer und Inländerinnen.
Als weiteres Anwendungsgebiet wurde die Automatisierung von
Konstruktions-, Fertigungs- und Bauverfahren erwähnt. In seinen
Erinnerungen bezeichnete Zuse diese “Maschine” später als
“Babbage-Boole-Maschine”, die man wie die bekannte Turing-Maschine
als eine mögliche rein theoretische Grundform programmgesteuerter Maschinen
verwenden sollte. Das Rechenwerk der ursprünglich geplanten Maschine sollte
nur aus wenigen Relais bestehen, mit denen die drei Grundoperationen des
Aussagenkalküls, Konjunktion, Disjunktion und Negation, geschaltet wurden.
Das Speicherwerk brauchte pro Zeile nur einen Ja-Nein-Wert aufzunehmen. Er baute
1944 ein kleines Versuchsmodell, das ohne praktische Bedeutung blieb.
Das einfache Rechenwerk mußte mit einer sehr
großen Zahl von einzelnen Operationen erkauft werden. Die notwendigerweise
umfangreichen und komplizierten Programme benötigten hohe Rechenzeiten. Als
prinzipieller Nachteil stellte sich außerdem heraus, daß eine
derartige Maschine keine bedingten Befehle verarbeiten konnte. Die erst 1953
bekanntgemachte Anmeldungsschrift stellte Zuses zweite, grundsätzliche und
umfassende Patentanmeldung dar. Auch sie wurde 1967 in zweiter Instanz
abgelehnt.
Die logistische Rechenmaschine ließ den erst wenig
bewußten Gegensatz zwischen Hardware und Software von einer extremen
Position aus erkennen. Während es die bisherige Erfahrung nahelegte,
daß Maschinen möglichst billig gebaut werden sollten, gab es
über die komplementäre Größe der Programmierung, die als
eine Art aufwendiger Maschinenbedienung angesehen wurde, noch keine systematisch
bewerteten Erfahrungen.
Bisher bekannte Automaten führten relativ einfache, sich
wiederholende Routinearbeiten aus. Man stellte sie richtig ein und sie
arbeiteten. Zuses Rechenautomat erforderte jedoch ein nach mathematisierten
Regeln ausgearbeitetes Programm.60
Kann die Technologie frei gewählt werden?
Zuse berichtete, daß er in seiner jugendlichen
Unbekümmertheit an den Bau der programmgesteuerten Rechenmaschine ging und
sich nicht viel um bereits vorhandene Konstruktionen kümmerte. Nachdem er
im elektromechanischen Telefonrelais ein zuverlässiges und billiges,
elementares duales Schaltelement erkannt hatte, fand er die zumindest für
ihn noch billigere und platzsparende, rein mechanische Schaltgliedtechnik. Beide
Technologien waren damals gleichermaßen verfügbar, und als einige
Jahre später Schreyer die elektronischen Röhrenrelais entwickelt
hatte, stand theoretisch noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges eine dritte
Technologie zur Auswahl. Die offenbar freie Wahlmöglichkeit der Technologie
für die Realisierung seines Rechnerkonzepts von 1934/35 brachte ihn zu der
erwähnten “technologieneutralen” Darstellungsform der
Schaltungen auf dem Papier. Weder als Student noch anschließend als
Angestellter bei den Henschel-Flugzeugwerken oder als freier Erfinder mit
Bastelwerkstatt war seine Konzeption an die Verwendung einer bestimmten
Technologie fest gebunden.
Bei der Neuentwicklung eines industriellen Produkts stellte
die zu verwendende Technologie eine nur mit großem Aufwand
veränderbare Ausgangsposition dar, welche in einer Fabrik durch ihren
Maschinenpark, die Qualifikation ihrer Beschäftigten und auch ihren
Marktsektor gegeben war. Eine technologieneutrale Entwicklung hätte kaum im
Interesse einer Industriefirma gelegen. Bei allem materiellen Mangel, der dem
Bastler Zuse als festangestelltem Entwicklungsingenieur in einer Firma erspart
geblieben wäre, hatte er doch den Vorteil, technologisch weitgehend
ungebunden zu sein. Er versuchte, in der billigsten Technologie ein
Demonstrationsmuster zu erstellen, um die neutrale Konzeption später auf
die leistungsfähigste Technologie übertragen zu können.
Selbst Zuse konnte jedoch nicht ganz neutral gegenüber
den möglichen Technologien sein. Die mechanische Technologie mit
individuellem Bastlercharakter beherrschte er seit langem hervorragend,
während er mit der Schaltungstechnik von elektromechanischen Telefonrelais
noch keine Erfahrung hatte. Er hielt es rückblickend sogar für einen
Vorteil, nicht alle Raffinesse der traditionellen
Fernsprech-Relaisschaltungstechnik in seine Rechnerschaltungen aufgenommen zu
haben und glaubte, daß gerade die Verwendung relativ einfacher Schaltungen
das Funktionieren der Gesamtmaschine ermöglichte. Dagegen mußte er
die elektronische Technologie ganz dem Fachmann Schreyer
überlassen.
Mit gleichzeitig drei Technologien vor Augen entwickelte er
seine Maschine in einer abstrakten Form, die auch für die erforderliche
Programmierung gleich übernommen werden konnte und mit dem Plankalkül
einen gewissen Abschluß fand. Auf diese Weise fiel Zuse der Schritt in das
später als Software bezeichnete Gebiet nicht schwer.
Die technologieneutrale Konstruktion erwies sich auch deshalb
als günstig für Zuse, weil für die Ausführung der
technologisch festgelegten praktischen Arbeiten kein Verständnis der
Gesamtkonzeption erforderlich war. So verstanden Zuses Motiv-Freunde, die ihn
zwar jahrelang unterstützten und praktisch mitarbeiteten, seine Pläne
letztendlich nicht. Selbst Schreyer scheute sich, in seiner Dissertation anders
als mit dem Begriff der “Getriebelehre” an Zuses Konzeption
anzuknüpfen. Später, als er sich in Brasilien selbst mit dem Bau einer
digitalen Rechenmaschine beschäftigte, teilte er Zuse mit, daß auch
er dessen Maschinen bisher “nicht so richtig verstanden” hatte.
Schreyer war mit der Entwicklung des elektronischen Relais in der dafür zur
Verfügung stehenden Zeit vollständig
beschäftigt.
[6]0
Zuse brauchte wiederum die elektronischen Schaltungen nur in
ihrer äußeren Wirkungsweise zu verstehen. Seine Rechnerkonzeption
reduzierte die Technologie auf die Realisierung der Schaltelemente. So deutete
sich bereits in der Geburtsstunde des programmgesteuerten Digitalrechners an,
daß später die Herstellerindustrie der dann elektronischen
Schaltelemente sich weitgehend unabhängig von den eigentlichen
Rechnerfabrikationen entwickeln konnte.
Anfang der 60er Jahre, nachdem die Epoche der
Röhrenelektronik im Computerbau bereits abgeschlossen war, korrigierte Zuse
die ein Vierteljahrhundert früher entstandene Vorstellung der
Unabhängigkeit der Technologie von der Konzeption. Weltweite Erfahrungen
hätten in den Nachkriegsjahren zu der Einsicht geführt, daß
Schaltungen der Rechner mit elektromechanischen Relais zwar in elektronischer
Technologie nachgebildet werden könnten, daß dies jedoch großen
Aufwand erforderte. Die Technologien hätten sich bei gleicher
Maschinenkonzeption nicht als einfach austauschbar erwiesen. Eine
Rechnerkonzeption mußte in vieler Hinsicht umgestellt werden, um der
schnellen elektronischen Technologie zur optimalen Wirkung zu
verhelfen.61
Kriegsaufträge
1941 hatte das “provisorische Rechengerät”
den Zustand erreicht, mit dem es Jahrzehnte später unter der Bezeichnung Z3
als weltweit erster, voll funktionsfähiger, frei programmierbarer Rechner
Anerkennung erfahren sollte. In seinen Erinnerungen bezeichnete Zuse die Z3 von
1941 rückblickend als “das erste Gerät, das wirklich voll
funktionsfähig alle wichtigen Elemente einer programmgesteuerten
Rechenmaschine für wissenschaftliche Zwecke nach dem Stand der Technik
enthielt”. Auch der britische Informatiker und Chronist der
Computerentwicklung Brian Randell, der die weltweite Entstehungsgeschichte des
Computers vor Augen hatte, bezeichnet die Z3 als “the world’s first
general purpose program-controlled computer”.
Trotzdem stellte die Maschine, gemessen an den
Maßstäben für serienmäßig fabrizierte moderne
Computer, ein Provisorium dar, an dem sein Erbauer immer wieder etwas
veränderte und ausprobierte und das die Zusesche Wohnung nie verließ.
Gleichzeitig schickte Zuse den Entwurf eines wiederum neuen, nun als “voll
einsatzfähig” bezeichneten “Rechengeräts” mit
mechanischem Speicher, Relaisrechenwerk und einer Genauigkeit von 6 bis 7
Stellen an die DVL. Die Realisierung einer ersten nicht mehr nur provisorischen
Maschine schien jetzt greifbar nah. Die DVL stellte im Dezember 1941 einen
Kredit von 50 000 Mark zur Verfügung, der bis zum Jahresende 1949
zurückgezahlt werden sollte. Sie räumte sich ein Vorkaufs- und
Vormietrecht auf die erste Maschine ein und behielt sich vor, die
“interessierten Stellen der deutschen Luftfahrt” vertraulich
über die Entwicklung zu informieren. Zuse, der seinen Privatbesitz als
Pfand einbringen mußte, wollte die fertige Maschine in einem eigenen
Rechenbüro für Auftragsrechenarbeiten einsetzen.
Das Paradoxe dieses und der folgenden scheinbar so soliden
Verträge der Kriegszeit bestand darin, daß zwar alle
Eventualitäten für den Fall des siegreichen Kriegs juristisch bedacht
waren, die realistischste Möglichkeit der militärischen Niederlage
– Hitlers Armeen wurden gerade vor Moskau erstmals zurückgeschlagen
– jedoch völlig außerhalb der Überlegungen
blieb.
Für Zuse bedeutete die enge Bindung an die DVL nicht nur
finanziellen Spielraum und einen Abnehmer, der nicht erst überzeugt zu
werden brauchte, sondern auch das dringend notwendige Prestige der Anerkennung
durch eine technisch-wissenschaftliche Einrichtung mit höchstem Renommee
bei Technikern und Politikern. Die kurze Episode einer zweiten Einberufung Zuses
Ende 1941 zeigte drastisch, welche Alternative drohte, wenn die
einflußreichen Stellen der Flugzeugindustrie kein Interesse mehr
hatten.
Daß das Interesse an Zuses Maschinen zunahm, geht auch
daraus hervor, daß im Juli 1943 die
Forschungsführung des
Reichsministers der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe mit der
Dringlichkeitsstufe SS (Sonderstufe) die
Henschel-Flugzeugwerke
“namens und im Auftrag des Reiches” mit der Entwicklung und
Herstellung eines “Rechengerätes zur Durchführung algebraischer
Rechnungen”
beauftragte.
[6]1
Die Firma reichte den Auftrag, der bis zum 31. Mai 1944
erfüllt sein sollte und der die für die DVL begonnene Maschine betraf,
an Zuse weiter. Henschel zahlte den Kredit an Zuse zurück. Jetzt
sollte die fertiggestellte Maschine Henschel kostenlos zur Benutzung
überlassen werden, wobei dies auch in einem Rechenbüro der Firma
Zuse der Fall sein konnte. Ein weiterer Kriegsauftrag vom August 1944,
der die “Schaffung eines mathematischen Versuchsgerätes zum
Rechengerät Bauart Zuse” mit dem Zweck der “Vereinfachung der
Eingabe des Rechenschemas in die Rechenmaschine” betraf, sollte mit
wiederum der höchsten Dringlichkeitsstufe bis zum 31. Januar 1945
ausgeführt sein.
Die Dipl.-Ing. K. Zuse Ingenieurbüro und
Apparatebau, die im November 1942 in die Gewerberolle eingetragen worden
war, war von Zuse als Angestelltem der Henschel-Flugzeugwerke AG
bereits am 1. April 1941 gegründet worden und gehörte seit 1943 der
Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie an. Als Arbeitsgebiet war die Entwicklung und
Musterfertigung von “kriegswichtigen Sondergeräten zur Aufstellung
aerodynamischer und ballistischer Berechnungen” angegeben. 1944 war die
Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft geplant. Zuse wollte damals über
300 Maschinen in Serie fertigen und beantragte die Anerkennung als
“Wehrwirtschaftsbetrieb mit Beteiligung ‚Wehrmacht‘”. Er
konnte jetzt, zumindest formal, für “eingearbeitete
Wissenschaftler”, Ingenieure und Facharbeiter selbst die Freistellung
beantragen.
Kaum jemand zweifelte daran, daß die sich immer
deutlicher abzeichnende vollständige militärische Niederlage auch das
Ende des Hitlerstaats bedeuten würde. Die Ministerien für Rüstung
und für Luftfahrt reagierten nicht mit dem vorsichtigen
Zurückschrauben ihrer Ansprüche, sondern mit immer größeren
Rüstungsprogrammen. Die gesamte Industrie trug diese Entwicklung mit, und
Zuses Firma, die gerade wegen dieser Situation von einem ersten Aufwind
erfaßt wurde, war keine Ausnahme. Herbert Wagner äußerte Ende
1944 gegenüber der Forschungsführung des OKL, es sei “mit
Sicherheit” damit zu rechnen, daß “die an dem Gerät
interessierten Kreise in Zukunft stark anwachsen werden”. Diese, aus der
Distanz des Historikers gesehen, weitsichtige Formulierung war damals wohl als
pragmatisches Argument gedacht. Bei allem Realismus über den Ausgang des
Krieges, den man Wagner zubilligen könnte, dürfte er damals kaum
geahnt haben, daß das Kriegsende für ihn, der im Rahmen der Aktion
“Paperclip” bereits im Mai 1945 in die USA gelangte, nur einige
wenige Wochen der kurzen Unterbrechung seiner Arbeit bedeuten würde –
ganz im Gegensatz zu Zuse.
Der erste Auftrag an Zuses Firma erfolgte im Rahmen des
“Jägerprogramms”, das die Luftwaffe 1944, als die
Bombenangriffe auf die deutschen Städte längst zum Dauerzustand
geworden waren, mit einer gesteigerten Anzahl von Jagdflugzeugen versorgen
sollte. Das Jägerprogramm war nicht mehr Görings
Luftfahrtministerium, sondern Speers Rüstungsministerium
unterstellt.
Ende 1944, als die deutsche Führung mit zunehmendem
Aufwand versuchte, sich auf die Verteidigung gegen die technisch immer
überlegeneren Waffensysteme der Alliierten einzustellen, wird der Beginn
einer echten Nachfrage nach den Zusemaschinen erkennbar. Mit dem bereits
erwähnten “Planfertigungsgerät” zur automatischen
Herstellung von “Rechenplänen” für die noch nicht ganz
fertiggestellte Z4 sollten die mathematischen Formeln automatisch in die
erforderliche Folge von Maschinenbefehlen umgewandelt und, auf einem
Lochstreifen abgelocht, nacheinander von der Maschine gelesen und
ausgeführt werden. Zuse wollte die Programmierung automatisieren, noch
bevor sich die betroffenen Mathematiker der Flugzeugindustrie damit
beschäftigt hatten.
Ein vermutlich letzter Kriegsauftrag der
Forschungsführung des RLM vom Januar 1945 mit der Bezeichnung
“Schaffung von Unterlagen für die Konstruktion und Fertigung
algebraischer Rechengeräte in mechanischer Ausführung”
bestätigt den Eindruck einer bevorstehenden Serienfabrikation. Einen Monat
später – die Rote Armee stand bereits an der Oder –
bestätigte der Leiter des Planungsamtes des Reichsforschungsrates, der
SS-Offizier Werner Osenberg, daß Zuses Entwicklungen im Rahmen der
“Flakaktion” liefen und zum “Notprogramm der
Rüstungsendfertigung” gehörten, weshalb einige “wertvolle
Geräte” außerhalb von Berlin sicherzustellen seien. Der
Transportbefehl lautete nach Göttingen, wo die beinahe fertiggestellte
Maschine in der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA), einem der
wissenschaftlichen Zentren der Flugzeugtechnik, vorgeführt werden sollte.
Eine weitere Bescheinigung bewahrte unter dem “Stichwort
‚Forschung‘” Zuse und acht Beschäftigte vor der drohenden
Einberufung zur “Verteidigung Berlin”.
Die Organisation und Ausführung des Transports nach
Göttingen gelang, und die Professoren der AVA, darunter auch Prandtl, kamen
in den letzten Kriegstagen noch in den Genuß der Vorführung der Z4
mit einem Speicher, der gerade 16 Plätze enthielt. Anschließend
bemühte sich Zuse erfolgreich um einen Marschbefehl für Familie und
Mitarbeiter im Gefolge der Raketengruppe General Dornbergers in Hitlers
“Alpenfestung”. In Hinterstein, dem letzten Ort vor der wenig
später wieder existierenden Grenze nach Österreich, löste sich
die Gruppe bald auf. Die Z4 stand die nächsten vier Jahre ungenutzt in
verschiedenen Scheunen herum.
Zuse sollte mit seiner Familie zwei Jahre lang in Hinterstein
und zwei weitere Jahre im nicht weit entfernten Hopferau bleiben. In dieser Zeit
entwickelte er Zukunftspläne und bemühte sich um alle möglichen
Kontakte zu wissenschaftlichen Stellen und zu Firmen. Er nahm im Sommer 1947 an
dem von britischen Fachleuten organisierten Treffen deutscher
Rechenmaschinenexperten in Göttingen teil, veröffentlichte im gleichen
Jahr eine Beschreibung der Z4 in einer amerikanischen Fachzeitschrift, fuhr 1948
zu einer amtlichen Befragung nach England, hielt Vorträge an
Universitäten und schlug einen Verkauf seiner Patente an die Firma IBM aus,
die zwar eine Anstellung versprach, die Fertigung von Zuse-Maschinen jedoch
ablehnte. Durch Zufall ergab sich 1949 eine Verbindung in die Schweiz, in deren
Folge die Z4 an die ETH Zürich gelangte.62
Die programmgesteuerte Rechenmaschine und der Aufbau der
deutschen Luftwaffe
Zuses Studienabschluß und Arbeitsbeginn bei den
Henschel-Flugzeugwerken 1935 fielen in die Zeit des forcierten Aufbaus
einer neuen deutschen Luftwaffe. Bereits im Sommer 1933 hatte das neue
Luftfahrtministerium Görings den Bau von 4 000 Flugzeugen in den
nächsten 21 Monaten geplant. Planer und treibende Kraft war Görings
Staatssekretär Erhard Milch, der den Bau von Flugzeugen oder Teilen auch
bei den Firmen veranlaßte, die bisher andere Produkte gefertigt hatten.
Neben der Schiffswerft Blohm & Voß, den Waggon-Fabriken
Gotha oder ATG hatte auch die Kasseler Lokomotivfabrik Henschel den
Flugzeugbau in Berlin-Schönefeld als neues Arbeitsgebiet
aufgenommen.
Die gewaltige Expansion der Flugzeugindustrie, die bis 1935
noch im geheimen gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags die Luftwaffe
aufbaute, wurde seit dem Januar 1933 von damals noch knapp 4 000
Beschäftigten bis 1937 auf 230 000 ausgeweitet. Bereits Ende 1933
beschäftigte die Luftwaffe direkt und indirekt zusätzlich zwei
Millionen Arbeiter mit dem Bau und dem Betrieb von Flugplätzen und
Fabriken. Der Flugzeugbau produzierte nicht für einen Markt, dessen
Bedürfnisse in Relation zu den Entwicklungs- und Herstellungskosten gesetzt
werden mußten. Zahlreiche neue Betriebsanlagen, neue Produktionsverfahren
und –technologien wurden ebenso eingerichtet wie
wissenschaftlich-technische Forschungs- und Entwicklungsstellen.
Auch Zuse verdankte seine Stelle in der Flugzeugindustrie
diesem Aufschwung, und der Schluß, daß hier seine Rechenmaschine am
ehesten verwendet werden würde, ergab sich wohl weniger aus nüchternem
Kalkül als aus der Situation. Es fehlte ihm jedoch ein funktionierendes
Muster, mit dem er seine Pläne überzeugend demonstrieren konnte.
Vorerst war weder die Flugzeugindustrie noch die wissenschaftliche
Flugzeugtechnik davon angetan, aufgrund einer Beschreibung den Bau eines
Prototyps angemessen zu unterstützen. Für die Forderung nach einer
derartigen Entwicklung waren nicht die politischen und militärischen
Stellen ausschlaggebend, die Flugzeuge oder Raketen in Auftrag gaben und
dafür Termine setzten, sondern die Entwicklungsabteilungen selbst.
Entwicklungsingenieure unter Termindruck sind jedoch wenig geneigt, ihnen
bekannte Methoden zugunsten von absolut unbekannten aufzugeben. Sie hätten
das maschinenunterstützte Konstruieren wahrscheinlich eher übernommen,
wenn es von einer akademischen, wissenschaftlichen Stelle erprobt und
ausgearbeitet worden wäre. In diesem Fall hätten die
Flugzeugingenieure erst einmal die Erstellung der Rechenpläne, das
Programmieren, erlernen
müssen.
[6]2
Offenbar entsprach Zuses Konzept der Rationalisierung der von
Hand ausgeführten Rechenarbeit, das ja noch aus der jetzt diffamierten
“Systemzeit” der 20er Jahre stammte, auch nicht der Arbeitsweise in
der Flugzeugindustrie. Erst die Kriegsproduktion sollte hier eine Änderung
bringen.
Der Schritt in ein wissenschaftlich-technisches Institut war
für Zuse, der seine eigenen Pläne realisieren wollte, nicht
möglich. Dort bestimmte damals Vannevar Bushs Integrieranlage die
Diskussion, so daß kaum jemand Interesse an einer weiteren neuen, ganz
andersartigen Rechenmaschine hatte, die noch nicht einmal existierte und der
sowohl die anschauliche analoge Arbeitsweise abging, die der Ingenieurausbildung
so gut entsprach, als auch die internationale wissenschaftliche Anerkennung der
Bush-Maschine.
Der Aufschwung der Flugzeugindustrie forderte immer
zahlreichere, umfangreichere, detailliertere Berechnungen. Die 30er Jahre
brachten den Übergang zum Ganzmetallflugzeug und damit ganz neue statische
Rechenprobleme. Bisher hatte man fachwerkartige Konstruktionen aus Stäben
mit Stoff bespannt. Jetzt entwickelte man Ganzmetallkonstruktionen aus
kompliziert verformten und verspannten Platten. Die zivile und militärische
Bedeutung höchstmöglicher Fluggeschwindigkeiten machte die
aerodynamische Formgebung zum vorrangigen Thema. Dabei mußten allgemeine
strömungstechnische Formeln immer wieder neu berechnet werden, bis endlich
ein bestimmter Zahlenwert des Durchmessers einer Verstrebung in Millimetern
ermittelt war.
Welche Dimensionen die Entwicklungsarbeit in der
Flugzeugtechnik angenommen hatte, erkennt man daran, daß in den
Vorkriegsjahren die Luftwaffe noch weitgehend mit Doppeldeckern ausgerüstet
war, während man gleichzeitig bei der Firma Heinkel schon mit
Strahltriebwerken experimentierte und auch noch vor Kriegsausbruch
flog.
Zuse hatte spätestens 1935 während seiner
Statikertätigkeit bei den Henschel-Flugzeugwerken erkannt, daß
die Entwicklung der Flugzeugtechnik zunehmend von der Umsetzung
physikalisch-mathematischer Theorie in technische Angaben und Daten bestimmt
wurde. Für ihn war klar, daß das programmierte Rechnen zumindest auf
diesem Gebiet früher oder später zur notwendigen Voraussetzung der
Konstruktionsarbeit werden würde.
Im Unterschied zu Gustav Tauschek, der zehn Jahre zuvor
allein mit Plänen und Entwürfen einen Vertrag mit der Firma
Rheinmetall geschlossen hatte und mit den Mitteln und nach den
Maßstäben dieses Betriebes und dessen Stand der Fertigungstechnik
seine Maschine entwickeln und konstruieren ließ, stürzte sich Zuse
nicht nur in die theoretische Entwicklungsarbeit, sondern nahm auch
Konstruktions- und Fertigungsarbeiten auf sich allein, wobei er über
keinerlei Kapital verfügte. Während Tauschek mit seinem neuen
Lochkartensystem zur Automatisierung der Buchhaltung einen Markt erobern wollte,
der durch die Arbeiten der Dehomag und Powers bereits strukturiert
und deutlich erkennbar war, stellte die Automatisierung der
Ingenieur-Rechenarbeit durch Zuse in beinahe jeder Beziehung Neuland
dar.
Die sich mehrenden Zeichen, daß mit den neuen
Flugzeugen ein Revanchekrieg vorbereitet wurde, hemmten Zuses Arbeiten zu keiner
Zeit. Im Februar 1935 hatten Hitler, Blomberg und Göring den Erlaß
unterzeichnet, der die bisher geheim aufgebaute Luftwaffe als dritten
Wehrmachtteil offiziell neben Reichswehr und Reichsmarine stellte. Neue elegante
Uniformen tauchten auf und waren sofort besonders populär. Damals hatte
Zuse gerade sein Diplom gemacht. Ein Jahr später, am 7. März 1936
– Zuse war jetzt Statiker bei den Henschel-Flugzeugwerken –
marschierten deutsche Truppen ins Rheinland ein, das nach den Bestimmungen der
internationalen Verträge von Versailles und Locarno entmilitarisiert war.
Die Luftwaffe, die mit dem Ende des Ersten Weltkrieges Gegenstand der Kontrolle
der Siegermächte und damit der Außenpolitik war, wurde dabei erstmals
als Mittel der nationalsozialistischen Politik demonstrativ für einen Bruch
des internationalen Vertragssystems eingesetzt.
Im Juli desselben Jahres – Zuse hatte gerade mit der
Arbeit in der Wohnung der Eltern begonnen – begann mit der
Unterstützung der Luftwaffe der Putsch General Francos gegen die Spanische
Republik. Der als Legion Condor bezeichnete, anfangs geheime, Verband
erprobte in Spanien nicht nur die neuen Flugzeuge in der militärischen
Praxis, sondern trug entscheidend zum Sturz der gewählten Regierung eines
europäischen Staates bei. Offiziell wurde dieser Einsatz der Luftwaffe noch
geheimgehalten.
Zuse berichtet jedoch selbst von einem Bekannten, der der
Legion Condor angehörte, gut verdiente und einen Teil seiner
Ersparnisse für Zuses Rechnerentwicklung beisteuerte. Auf die Frage, wann
denn seine Maschine fertig sei, antwortete Zuse damals: “Wenn Franco
Madrid erobert hat.”
Eine der zahlreichen Bemerkungen, die Zuses Erinnerungen zum
wichtigen Zeitzeugnis machen, gilt seinem Bekenntnis zu Oswald Spengler, dessen
Bücher in den 20er Jahren in immer neuen Auflagen verbreitet waren und
bedeutenden Einfluß auf die bürgerliche Kultur der ersten deutschen
Republik hatten. Er bedauerte auch später, daß Spenglers
“preußischer Sozialismus” so wenig verstanden wurde. Die
zitierten Sätze über das “Schöpferische” und
“Faustische” zeigen die Seite der Spenglerschen Lehre, die auch dem
Absolventen des Reformgymnasiums und Angehörigen einer aufgeschlossenen und
liberalen Studentenverbindung imponierten.
Sie überzeugten ihn so stark, daß Zuse auch noch
lange nach dem Ende des Kriegs die Passagen in Kauf nahm, in denen Spengler
erklärte, daß der preußische “richtige” und
“wahre” Sozialismus im Blut und in der Rasse der Germanen liege.
“Wir Deutsche sind Sozialisten”, die anderen “können es
gar nicht sein”, dozierte Spengler und erläuterte: In dem “nun
ganz nach außen gewandten Instinkt lebt der alte faustische Wille zur
Macht, zum Unendlichen, weiter in dem furchtbaren Willen zur unbedingten
Weltherrschaft im militärischen, wirtschaftlichen, intellektuellen Sinne,
in der Tatsache des Weltkrieges und der Idee der Weltrevolution, durch die
Mittel faustischer Technik und Erfindung das Gewimmel der Menschheit zu einem
Ganzen zu schweißen. Und so ist der moderne Imperialismus auf den ganzen
Planeten gerichtet... Wir kennen keine Grenzen... Wie wir glauben, sollten alle
glauben. Was wir wollen, sollen alle wollen. Und da Leben für uns
äußeres Leben, politisches, soziales, wirtschaftliches Leben geworden
ist, so sollen alle sich unserem politischen, sozialen, wirtschaftlichen Ideal
fügen oder zugrunde gehen”. Der Erfinder und Techniker hatte auch in
der deutschen Außenpolitik eine besondere Rolle zu spielen, lehrte
Spengler. Er stellte geradezu eine Triebfeder dar. Der Humanismus des
Goetheschen Faust mußte hinter derartigen Tönen verblassen.
Ob Zuse damals in Hitlers Staat wirklich eine Neuauflage des
von Spengler als sozialistisch bezeichneten alten preußischen Staates
Friedrich II. sah, in dessen Dienst sich der schöpferische Mensch
rückhaltslos zu stellen hatte, mag dahingestellt sein. Immerhin war
während seiner acht ersten Lebensjahre sein Vater als Postbeamter direkt
dem Kaiser als oberstem Dienstherrn unterstellt gewesen, wobei die Reichspost
eine viel mehr technokratische als militärische Institution gewesen war.
Obwohl er Kreisen angehörte, die der nationalsozialistischen Politik
einiges an Kritik entgegensetzten, billigte er, wie viele andere damals auch,
der Politik Hitlers so viel Berechtigung zu, daß er seine Erfindung, an
der seine Existenz hing, in ihren Dienst stellen konnte. Der faustische Geist
konnte es nicht zulassen, daß die Konzeption einer Rechenmaschine mit
Programmsteuerung, Dualsystem und Gleitkommarechnung von 1935 nicht realisiert
werden würde. Vorerst war jedoch eine Fertigstellung der Maschine noch gar
nicht abzusehen, und später ging der Krieg zu schnell zu Ende, als
daß ein wirklicher Beitrag zum Flugzeugbau noch in Frage gekommen
wäre.
Zuse war der einzige, der damals in Europa die technische
Entwicklung der programmgesteuerten Rechenmaschine im Dualsystem in dieser
Konsequenz systematisch durchdachte. Er war aber auch der einzige, der
beschlossen hatte, daß diese Maschine gebaut werden sollte und daß
der Bau sinnvoll und berechtigt war.
Von Spengler beeindruckt, war er überzeugt, auch einen
Beitrag zur weltgeschichtlichen Entwicklung zu leisten: “Erstreben die
Amerikaner die Vervollkommnung durch umfangreiche Versuche, so wäre die den
deutschen Verhältnissen angepaßte Methode die Erweiterung der
Rechnung. Drüben Geld und Material, hier Theorie und Rechnung. Es bleibt
uns nichts anderes übrig als die fehlenden günstigen Verhältnisse
durch Gehirn zu ersetzen.”
Die Z4 wird genutzt
An der ETH Zürich hatte kurz nach Kriegsende Eduard
Stiefel die Leitung des neuen Instituts für Angewandte Mathematik
übernommen und ähnlich wie Alwin Walther in Darmstadt neben dem
Mathematiker Heinz Rutishauser mit Ambros P. Speiser auch einen Elektroingenieur
als Assistenten eingestellt.
Alle drei besuchten längere Zeit die USA und
besichtigten dort die bereits fertiggestellten und in Arbeit befindlichen
Rechner an der Harvard-Universität, im Institute für
Advanced Studies, in Princeton sowie bei den Firmen Bell und
IBM.
1950/51 veröffentlichten sie in der ebenfalls neu
gegründeten Zeitschrift für angewandte Mathematik und Physik
einen umfassenden Bericht, der im gesamten deutschsprachigen Raum auf breites
Interese stieß. Die Einrichtung dieses Instituts war eine staatliche
Maßnahme, die der Schweizer Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft die
soeben in den USA und in England entstehende Computertechnik zugänglich
machen sollte.
Zuse hatte mit der Schweizer Firma Contraves
Verbindung aufgenommen, deren Generaldirektor, Oberst Brändli, mit Stiefel
nach Hopferau kam. Brändli war gleichzeitig Präsident des Schweizer
Schulrats und damit Chef der dem Schweizer Bund unterstehenden
wissenschaftlichen Einrichtungen, zu denen die Züricher ETH gehörte.
Obwohl die Z4 gegenüber den elektronischen Maschinen in den USA um
Größenordnungen langsamer arbeitete und weniger
Speicherkapazität enthielt, und obwohl die im Speicher verwendete, rein
mechanische Zuse-Technologie völlig unbekannt war, kam es zum
Abschluß eines Mietvertrags über fünf Jahre.
Man war zwar entschlossen, mit dem in den USA erworbenen
Wissen an der ETH einen eigenen elektronischen Rechner zu bauen, aber die
Möglichkeit der schnellen Aufnahme eines praktischen Rechenbetriebs mit der
Z4, zu einer Zeit, als auf dem europäischen Kontinent nirgends ein Computer
betrieben wurde, versprach praktische Erfahrungen direkt in der Schweizer
Umgebung. Der elektronische Rechner konnte noch einige Zeit zurückgestellt
werden. Zuse sollte die Möglichkeit der Z4 jedoch zuvor noch durch einige
Ergänzungen erweitern.
Im hessischen Neukirchen führte die soeben
gegründete Zuse KG im engen Kontakt mit dem Züricher Institut
den Umbau der Z4 schnell aus: Neben den Schaltungen zur Ausführung
bedingter Befehle und einem zweiten Lochstreifenabtaster forderte Stiefel die
Erweiterung des mechanischen Speichers von 16 auf 64 Speicherzellen und einen
zusätzlichen Locher, mit dem auf einem weiteren Lochstreifen Zwischenwerte
eingestanzt werden konnten, so daß er als Zwischenspeicher
wirkte.
Der Rechenbetrieb an der ETH begann mit einem Festakt im Juli
1950, und die Maschine war in den folgenden Jahren täglich rund zehn
Stunden in Betrieb. Stiefel untersuchte die Anwendung numerischer
Rechenverfahren auf der Maschine und berichtete auf internationalen
Fachkongressen über die Arbeiten. Nach der Nutzung für die weitgehend
routinemäßigen statischen Rechnungen kamen erst jetzt die
Möglichkeiten der Z4 wirklich zur Geltung. Die Maschine brachte die
Züricher Mathematiker auf Anhieb in eine attraktive Situation: Sie bot
nicht nur die Möglichkeit, Rechenverfahren auszuprobieren, sondern
ließ es zu, die Gedanken über Aufbau und Konzeption mit praktischen
Versuchen zu untermauern. Das Interesse an den neuen Rechenmöglichkeiten
nahm sofort ständig zu und ließ schnell erkennen, daß der
Bedarf an programmierter maschineller Rechenarbeit die Möglichkeiten der
zwar zuverlässigen, aber doch langsamen Relaismaschine bereits
überstieg und der Aufwand für eine elektronische Maschine
gerechtfertigt sein würde.
Während des praktischen Rechenbetriebs gedieh auch die
Überzeugung, daß eine entscheidende Voraussetzung für eine
weitere Verbreitung des Rechnens mit Computern darin bestand, daß Anwender
mit normaler mathematischer Hochschulbildung ihre Programme selbst schreiben
konnten. Die Forderung nach einer Programmiersprache, in der jedermann, ohne die
Rechenmaschine benutzen zu müssen, das Programm für seine Aufgabe
schreiben konnte, um es dann nur noch zur Ausführung im ETH-Rechenzentrum
abzugeben, wurde aktuell. Rutishauser entwickelte eine Methode, nach der die Z4
Programme mit den von der Maschine ausführbaren Befehlen selbst
“berechnen” und lochen konnte. In den USA entstand zu dieser Zeit
die erste Version der maschinenunabhängigen Programmiersprache
FORTRAN.
Seit 1952 hatte man an der konkreten Planung und Entwicklung
des elektronischen Rechners gearbeitet, der die Z4 1955 ablöste und mit der
Bezeichnung ERMETH deren Rolle auf höherem Niveau weiterspielte. Die Z4 war
während der folgenden vier Jahre am Deutsch-Französischen
Forschungsinstitut Saint Louis bei Basel in Betrieb.
Das Deutsche Museum in München akzeptierte sie als
“Meisterwerk der Technik”, und man kann die überlieferten Reste
dort besichtigen.63
Visionen von der Zukunft
Die oft gestellte Frage, wie es zu der ebenso entschiedenen
wie individualistischen und isolierten Erfindertätigkeit des Ingenieurs
Konrad Zuse kam, ist auch die Frage nach der Ursache und den Umständen des
deutschen Beitrags zur internationalen Entstehungsgeschichte “des”
heute allgegenwärtigen, universellen Computers. Wie ist es möglich,
daß die Idee und die Aktivität des Individuums eine breite
weltverändernde Entwicklung auslöst und bestimmt? Ist es
zulässig, daß ein Individuum beschließt, die Welt und damit die
Lebensbedingungen der Zeitgenossen und die aller zukünftigen Generationen
zu verändern? Zuse stellte sich derartige Fragen offenbar schon früh
und beantwortete sie für sich und für andere unter Berufung auf Oswald
Spenglers Ideen mit dem “Faustischen”, das manchen Menschen
angeboren sein und sie zu Weltveränderern mache.
Bereits in den 30er Jahren galten Zuses weitreichendste Ideen
der technischen Machbarkeit eines künstlichen Gehirns und der
Möglichkeit, das gesamte Wissen zu speichern. Im Vordergrund seiner
Überlegungen, Pläne und Aktivitäten stand jedoch immer die sehr
politische Frage, wie der Bau der Maschinen überhaupt ermöglicht
werden könnte.
Während der Vorkriegsjahre widmete er sich ganz der
theoretischen und praktischen Lösung der technischen Probleme. Trotz der
Orientierung an den Problemen der Flugzeugkonstruktion ist die
Unabhängigkeit von einer speziellen Anwendung ein Charakteristikum seiner
Arbeit. Die Frage nach der konkreten Anwendung der Maschine stellte geradezu
einen Widerspruch zum Anspruch ihrer Universalität dar. Er kannte die dort
übliche sture Wiederholung der Rechenarbeiten aus eigener Erfahrung, lehnte
es jedoch bewußt ab, eine Spezialmaschine für diese Rechnungen zu
entwickeln. Seine Maschine sollte außerdem die Wettervorhersage und vor
allem das Schachspiel berechnen können.
Im Rahmen der Bemühungen um die Freistellung vom
Militär argumentierten Zuse und auch Schreyer mit der Möglichkeit, die
Maschine zur Feuerleitung der Artillerie zu verwenden. Die seit Jahrzehnten
erprobte und bewährte analoge Feuerleitung auf den deutschen Kriegsschiffen
stand jedoch damals nicht zur Disposition. Ähnliches galt für den
Vorschlag der Berechnung von Wetterkarten für die
Luftwaffe.
[6]3
Am überzeugendsten mußte das Argument
vorteilhafter Verwendung im Flugzeugbau wirken. Die schematische Rechenarbeit
für hochqualifizierte Arbeitskräfte, Ingenieure und Wissenschaftler
könne verringert, die Qualität der Flugzeuge erhöht, Material und
kostspielige Versuche könnten eingespart werden. Andere Stichworte waren
Stahl- und Eisenbetonbau, Feldvermessung, Schwingungslehre, Aerodynamik.
Ausgangspunkt war immer die Notwendigkeit der Wiederholung derselben Rechnung
mit veränderten Parametern, wie sie die Konstruktionsarbeit
erforderte.
Auch im Motorenbau, bei komplizierten aerodynamischen
Problemen und auch bei der Atomtheorie könne die Maschine kostspielige
Versuche ersparen. Die Verwendung seiner Maschine ermögliche es, “die
Rechnungen stets ‚frisch’ zu erhalten, d. h. sie laufend dem
neuesten Stande der Konstruktion anzupassen”.
Zuse wollte mit seiner Maschine die Ingenieurarbeit
verändern; die Ingenieure sollte ihre “ganze Arbeitskraft” auf
sie einstellen. Mit Recht kritisierte er, dass viele technische Probleme zwar
theoretisch weitgehend erforscht seien, daß sie in der Praxis aber nur mit
vereinfachenden Faustregeln bearbeitet würden. “Praktische Anwendung
finden nicht die besten, sondern die einfachsten Theorien. Hier beginnt die
eigentliche Aufgabe der Maschine. Probleme, die bisher nur annähernd durch
Versuche erfasst werden konnten, können jetzt rechnerisch durchschaut
werden.”
Bei der Verwendung seiner Rechenmaschine sollte der Umfang
der Zahlenrechnung eine untergeordnete Rolle spielen. “Die Arbeit des
Theoretikers bekommt bleibenden Wert. Ist zum Beispiel die aerodynamische
Berechnung eines Flügelprofils bestimmten Typs einmal in Lochstreifenform
festgehalten, so ist die Gedankenarbeit des Theoretikers gewissermaßen
konserviert. Geht der praktische Ingenieur an die Berechnung nach dieser Formel
heran, so braucht er sich nicht in die Gedankengänge des Theoretikers zu
versenken.
Er bezieht die Formel gewissermaßen ab Fabrik. So wie
der Benutzer eines Elektromotors nicht zu wissen braucht, wie die Wicklungen im
Anker liegen, braucht der Benutzer der Formel die Art der Berechnung nicht zu
kennen. Er muß sie ‚bedienen’ können, d. h., ihr die
richtigen Ausgangswerte zuführen und die Resultate richtig verwerten
können. Der Theoretiker kann also die Berechnung beliebig kompliziert
gestalten und sein Spezialwissen auf dem Gebiet voll einsetzen. Die Formel
braucht nur nach außen ‚narrensicher’ zu sein, innerlich ist
sie wie durch einen Panzer geschützt. Damit ist der Weg zur Verfeinerung
frei.”
Erst in der verzweifelten Situation während der letzten
Kriegsmonate, als bereits auf einige funktionierende Zuse-Geräte verwiesen
werden konnte, wurden einige Aufträge erteilt. Zuse dachte aber auch damals
schon an das Bankwesen, für das er jedem Konto eine Speicherstelle zur
Verfügung stellen wollte, um so “jederzeit blitzschnell”
Konto-Auszüge und Tagesbilanzen “oder dergl.” erstellen zu
können. Der Standpunkt der Banken dürfte derselbe gewesen sein, der 10
Jahre früher bereits Tauschek mitgeteilt wurde.
Nach dem Kriegsende arbeitete Zuse in Hinterstein weitere
Anwendungsmöglichkeiten für seine Maschine aus, die er als
Werbeschriften, auch an das Konsulat in den USA, verschickte. Das geringe
Interesse ist leicht nachzuvollziehen. Seine Angaben über die Bedeutung der
logistischen Geräte, “die über das Zahlenrechnen
hinausgehen”, mußten geradezu utopisch anmuten. In den
Speicherwerken könnte “das ganze schematisierbare Wissen auf
abgegrenzten Gebieten wie z. B. der Algebra, der Statik” bereitgehalten
werden. Die im vorigen Kapitel geschilderten Dimensionen vergleichbarer Projekte
im Lochkartensystem machen deutlich, daß nur große Unternehmen oder
staatliche Institutionen derartige Pläne realisieren konnten.
Ein Vorschlag betraf die “Mechanisierung eines
Warenhausbetriebs”, wobei jeder Kunde beim Betreten des Hauses eine
Blechmarke mit einer gelochten Kennziffer erhalten, mit ihr die Waren aussuchen
und sie bei Bezahlung wieder abgeben sollte. Weitere ausgearbeitete
Vorschläge betrafen die “Gefolgschaftskontrolle” und erneut den
Wetterdienst.
Zählwerke mechanischer Tischrechenmaschinen, die die
Aufgabe des Speichers erfüllten, kosteten in Zuses damaliger
Vergleichsrechnung 150 Reichsmark, bei seiner bisher gebauten Maschine jedoch
nur 50 Reichsmark. Er argumentierte in seiner Kalkulation mit einer Serie von 1
000 Geräten gleicher Konstruktion und einer Kapazität von 1 000 Zellen
und glaubte, “ohne weitere Änderung der Herstellungsmethoden”
mit drei bis fünf Reichsmark pro Zelle rechnen zu können.
Durch Verkleinerung der Konstruktion, “so daß die
Größe der Teile nicht an die Größe der menschlichen Finger
gebunden ist”, durch Normierung und durch Mechanisierung der Fertigung und
Montage, wiederum mittels Verwendung von Zuse-Rechnern, könnten die Kosten
weiter gesenkt werden. Zu dieser zweifellos realisierbaren Möglichkeit der
Miniaturisierung von Zuses mechanischer Schaltgliedtechnologie, die man sich
ähnlich wie ein großes, aber mit beweglichen Teilen dicht gepacktes
Schloß denken kann, sollte es jedoch nie und nirgends kommen. Zuses
mechanische digitale Rechentechnologie blieb ein realisierbarer Vorschlag, den
die Geschichte nicht nutzte. Der ingenieurtechnisch konsequente Weg erwies sich
als unternehmerische Fehleinschätzung.
Charakteristisch für die Pläne und Konzeptionen
Zuses war in den 30er und 40er Jahren gleichermaßen, daß sie von
provisorischen Demonstrationsmodellen und letztlich von nicht existierenden
Maschinen ausgingen. Auch die Z4 konnte in ihrer ersten Ausführung kaum
mehr als ein Prinzip demonstrieren. Ohne die klaren Angaben der Züricher
Wissenschaftler hätte Zuse die dann erfolgten Ergänzungen, mit denen
die Z4 der Arbeitsweise der damaligen amerikanischen Computer so nahe kam, wie
es möglich war, nicht ausgeführt. Bei alledem sind Zuses
Überlegungen zur Bedeutung der programmgesteuerten Rechenautomaten in den
folgenden Jahrzehnten in bemerkenswerter Weise Realität geworden, auch wenn
er selbst höchstens indirekten Einfluß darauf hatte. Sie
berührten jedoch immer wieder das Interessengebiet der
Lochkartenfirmen.
Obwohl sie ihm aus seiner Zusammenarbeit mit Schreyer bekannt
waren, spielten die Möglichkeiten der Elektronik und der elektronischen
Technologie in Zuses damaligen Vorschlägen keine vorrangige Rolle. Aus
heutiger Sicht ist klar, daß die Realisierung der
Automatisierungsvorschläge nur mit hohen Rechengeschwindigkeiten
vorteilhaft und möglich waren. Obwohl er von den elektronischen Rechnern in
den USA und England wußte, war deren Rechengeschwindigkeit für ihn
bis in die Mitte der 50er Jahre kein Argument. Hier liegt die partielle
Unschärfe und Inkonsequenz, die wahrscheinlich für alle prophetischen
Pläne typisch ist. Gerade die logistische Rechenmaschine hätte den
Gedanken an eine Hochgeschwindigkeitsmaschine nahelegen müssen.
Die Pläne Zuses aus der direkten Nachkriegszeit
mußten vor dem Hintergrund der zerstörten Städte und der
ungewissen Zukunft Deutschlands für viele völlig abwegig erscheinen.
Er wollte den amerikanischen Markt interessieren, jedoch nicht in die USA
auswandern. Kein amerikanisches Warenhaus wäre jedoch damals auf die Idee
gekommen, seinen Betrieb von einem unbekannten deutschen Erfinder automatisieren
zu lassen und dafür das bewährte Lochkartensystem und die komfortabel
organisierte Zusammenarbeit mit Firmen wie IBM
aufzugeben.64
Im Windschatten von Demokratie und
Wirtschaftswunder
In der gerade erst gegründeten Bundesrepublik gab es
keine staatlichen Projekte wie den Flugzeugbau der Kriegsjahre oder auch die
durch das Kriegsende nicht beendeten amerikanischen großen
Rüstungsprojekte, in deren Rahmen die Entwicklung großer
elektronischer Rechner hätte stattfinden können. Auch galt das Verbot
elektronischer Entwicklungen durch den alliierten Kontrollrat noch immer. In
dieser Situation wollte Zuse betriebssichere und
“verhältnismäßig einfache Geräte” bauen, die
“rentabel, aber nicht superleistungsfähig” sein sollten. Die
Vermietung der Z4 an die Schweizer ETH ermöglichte ihm 1949 die
Gründung der Zuse KG, der nach Bückners Rechenautomaten
GmbH zweiten deutschen Spezialfirma für große Rechenmaschinen.
Sie etablierte sich in dem kleinen Hessischen Ort Neukirchen im alten
Gebäude einer Pferderelaisstation.
Der erste gewichtige Auftrag nach dem Umbau der Z4 kam von
der optischen Firma
Leitz, die eine große Relaisrechenanlage
für die optischen Berechnungen bestellte. Obwohl diese als Z5 bezeichnete
Maschine sechsmal so schnell arbeitete wie die Z4 und 200 000 DM kostete,
stellte auch sie nicht die Hochleistungsmaschine dar, die alle
Möglichkeiten der Zuseschen Theorie enthielt.
[6]4
Der für eine kaum eingeführte kleine westdeutsche
Firma damals erreichbare Markt an großen Relaismaschinen erwies sich damit
bereits als erschöpft, und die weitreichenden Maschinenkonzepte aus Zuses
Schublade sollten auch später nicht mehr realisiert werden.
Zuses bisherige Maschinen konnten sinnvoll nur von Personen
benutzt werden, die selbst Hand anlegen wollten. Eine perfekt funktionierende
Anlage und die Garantie eines jederzeit kurzfristig anrufbaren Service, wie sie
die Lochkartenfirmen boten, standen der Zuse KG nicht zur
Verfügung.
Der Auftrag, mit dem die kleine Firma in den folgenden Jahren
überlebte, betraf ein programmgesteuertes elektromechanisches
Rechengerät zum Anbau an die Lochkartenmaschinen der Schweizer
Remington. Rund 30 solcher Zusatzgeräte wurden
ausgeliefert.
Das erste, komplette, serienmäßig gebaute,
programmgesteuerte Rechengerät in der Bundesrepublik erhielt die
Bezeichnung Z11 und wurde seit 1956 in 40 bis 50 Exemplaren hauptsächlich
für die standardisierten Rechnungen der Optik und des Vermessungswesens,
aber auch der Rentenrechnung verkauft. Den Prototyp, den die Zuse KG zur
Serienfertigung übernahm, hatte der bayrische Flurbereinigungsbeamte
Heinrich Seifers in Zusammenarbeit mit Zuse an der TH München entwickelt.
Die relativ kleine Maschine arbeitete mit festen Programmen und entsprach wieder
keineswegs den anspruchsvollen Plänen, auf deren Realisierung Zuse seit dem
Kriegsende hoffte. Die Bedingungen des Markts forderten von dem Unternehmer Zuse
jedoch entschieden die weitere Zurückstellung und letztlich die Aufgabe
dieser Pläne.
Der so lange verzögerte Schritt zur Elektronik gelang
beinahe gleichzeitig mit der Aufnahme der Serienfertigung der
elektromechanischen Z11. Aber auch bei der Entwicklung der seit 1958
ausgelieferten Z22 in elektronischer Röhrentechnologie fand sich Zuse aus
der Position des Entwicklungsingenieurs und Erfinders ganz in die des
Unternehmers versetzt. Das eigenwillige, ganz auf einen einfachen und billigen,
aber möglichst vielseitig nutzbaren Hardware-Aufbau abzielende Konzept
dieser Maschine mit der Bezeichnung MINIMA stammte von dem Freiburger
Mathematiker Theodor Fromme, der sich am Konzept des niederländischen
Ingenieurs W. L. van der Poel orientierte. Frommes Fragestellung lautete:
“ Wie baut man eine einfache und preiswerte Maschine, die mit angemessener
Rechengeschwindigkeit mathematische Programme, die für Probleme an der
Universität Freiburg anfallen, ausführt?” Welche Art von
Rechenaufgaben dort anfielen, läßt sich daraus schließen,
daß der Institutschef, Henry Görtler, Spezialist für Gasdynamik
war und sein Institut in Personalunion mit dem französischen
Rüstungsforschungsinstitut in St. Louis betrieb, dem Vorort von Basel
hinter der französischen Grenze und nicht weit von Freiburg.
Elektronische Bausteine galten als teuer, während die
Programmierarbeit “selbst gemacht” werden konnte und deshalb
scheinbar nichts kostete. Entsprechend wurde die Frage behandelt, ob
Multiplikationen mit einer besonderen elektronischen Schaltung schnell, aber
kostspielig ausgeführt, oder ob sie über ein Multiplizierprogramm aus
Additionen erzeugt werden sollten. Die längere Rechenzeit sollte und konnte
durch raffinierte Gestaltung der Programme ausgeglichen werden.
Mit dem Schritt zur elektronischen Technologie erfolgte in
der Zuse KG auch der zum abänderungsfähigen gespeicherten
Programm und damit zum von-Neumann-Konzept. Alle bisherigen frei
programmierbaren Zuse-Maschinen hatten ihre Befehle hintereinander von einem
Lochstreifen abgelesen und dann ausgeführt. Die Begrenzung der
Arbeitsgeschwindigkeit durch den Lesevorgang war bei den Relaismaschinen nicht
ins Gewicht gefallen. Trotzdem war auch die Z22 nicht als
“datenverarbeitende” Maschine mit leistungsfähigen Aus- und
Eingabegeräten geplant. Dieser Markt galt als Domäne von Firmen wie
IBM. Der Preis der Z22 war viel niedriger als der der so erfolgreichen Maschine
IBM 650, die inzwischen ebenfalls in der Bundesrepublik gefertigt
wurde.
Daß der Wunsch nach einer größeren
Verbreitung elektronischer Rechenanlagen auch in der Mitte der 50er Jahre keine
Selbstverständlichkeit war, beleuchtet die Position der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG). Zuse hatte Wolfgang Haack, Professor für
Mathematik an der TU Berlin, der sich vergeblich um die aus Zürich
abgegebene Z4 bemüht hatte, die erste fertiggestellte Z22 zugesagt. Haacks
Assistenten beteiligten sich sogar an den Entwicklungsarbeiten und kamen
häufig nach Neukirchen. Haacks Antrag auf 180 000 DM für die
Finanzierung der Entwicklung des Rechners für die TU bei der DFG blieb
erfolglos.
Die DFG vertrat Ende 1956 noch immer die Meinung, daß es
sich bei der Beschäftigung mit den kostspieligen Computern um ein
Spezialgebiet handele und es völlig ausreiche, wenn man sich in
Göttingen, Darmstadt und München damit beschäftigte.
Das Interesse an der Benutzung einer der wenigen in Europa
verteilten elektronischen Rechenanlagen, die oft weite Anreisen erforderten, war
in dieser Zeit jedoch bereits geweckt und nahm schnell zu. Trotzdem war die
Notwendigkeit der Anschaffung eigener Anlagen nicht überall anerkannt.
Selbst von den Mathematikern waren um 1956 nur wenige an einer Entwicklung
interessiert, wie sie Stiefels Institut in Zürich zeigte. An erster Stelle
standen die “angewandten” Mathematiker, die sich während des
Krieges mit Problemen des Flugzeugbaus, der Ballistik oder der Gasdynamik
auseinandergesetzt hatten. Die gewichtigsten Vertreter waren Görtler in
Freiburg, Haack in Berlin und Sauer in München. Obwohl sie nicht erst seit
der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik entsprechende Forschungsarbeiten
betrieben, wurden sie von der Rechnerförderung der DFG, mit Ausnahme
Sauers, nicht bedacht.
Wie in einem späteren Kapitel gezeigt werden wird,
konnte die Z22 nur entwickelt, gefertigt und im wesentlichen auch verkauft
werden, nachdem der Bundestag ein besonderes Finanzierungsprogramm beschlossen
hatte. Die Universitäten sollten mit Rechnern ausgestattet werden, die
allerdings von der deutschen Industrie entwickelt sein sollten. Ohne diese
staatliche Maßnahme, die den Prinzipien von Ludwig Erhards reiner
Marktwirtschaft widersprach, hätten die amerikanischen Firmen ein
wahrscheinlich absolutes Monopol auf dem gerade entstehenden deutschen
Computermarkt gehabt. Tatsächlich konnte die Zuse KG nicht nur schon
1957 ein neues Fabrikgebäude in Bad Hersfeld beziehen, sondern alle 41
bestellten Z22 bis 1960 installieren.
Die Entwicklung der Computertechnik nahm im internationalen
Maßstab ein atemberaubendes Tempo an, dem die mittelständische Zuse
KG bald nicht mehr gewachsen war. Ähnlich wie die Z4 zum Zeitpunkt ihrer
Aufstellung in Zürich durch elektronische Rechner in den USA bereits
technologisch überholt war, so war im Zeitraum der Entwicklung der
Röhrenmaschine Z22 bereits die Transistortechnologie aktuell. Der niedrige
Preis und staatliche Industrieförderungs- und Beschaffungspolitik
ermöglichten es jedoch, daß auch noch 1960 Röhrenmaschinen neu
installiert wurden.
Die immer neuen Entwicklungsanforderungen verlangten nicht
nur innerhalb ganz kurzer Zeit die Einführung der Transistortechnologie und
neuartiger Speichertechnologien, von denen jede selbst einer schnellen
Weiterentwicklung unterlag, sondern auch die Ausstattung mit Standardprogrammen.
Dazu gehörte bereits ein Übersetzungsprogramm für die ebenfalls
gerade entstandene maschinenunabhängige Sprache ALGOL. Ein ALGOL-Compiler
für die Z22 wurde vom Team um F. L. Bauer an der Universität Mainz
entwickelt und der Zuse KG kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Ehrgeiz,
eigene Programme zu erstellen, der für die Kunden der ersten Rechner noch
charakteristisch gewesen war, hatte bald einer Haltung Platz gemacht, die den
für eine bestimmte Maschine verfügbaren Programmen wachsende Beachtung
schenkte.65
[55] ZuP 009/001;
ZuP 030/002; ZuP 014/008; K. H. Czauderna, Konrad Zuse. Der Weg zu seinem
Computer Z3, München 1979, S. 88f.; C. Matschoß, Die
Entwicklung der Dampfmaschine, 2 Bände, Berlin 1908, Bd. 1, S. VIII; K.
Zuse, Der Computer, mein Lebenswerk, München 1970, überarbeitete
Neuauflage, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo 1984; K. Zuse, Vom
Bauingenieurstudium zum Computer, in: K. Schwarz (Hg.), 100 Jahre Technische
Universität Berlin 1879-1979, Katalog zur Ausstellung, Berlin 1979, S.
358-361.
[56] ZuP 005/001; ZuP 005/021;
H. Petzold, Die Ermittlung des “Standes der Technik” und der
“Erfindungshöhe” beim Patentverfahren Z391, Dokumentation nach
den Zuse-Papieren, GMD-Studien Nr. 59, St. Augustin 1981.
[56] ZuP 005/001; ZuP 005/021;
H. Petzold, Die Ermittlung des “Standes der Technik” und der
“Erfindungshöhe” beim Patentverfahren Z391, Dokumentation nach
den Zuse-Papieren, GMD-Studien Nr. 59, St. Augustin 1981.
[57] ZuP 014/001;
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Dorsch, Konrad Zuses Z1 – Berlin 1936, Museum für Verkehr und
Technik, Berlin 1989
; E. Heinkel, J. Thorwald, Stürmisches Leben,
Taschenbuchausgabe, München 1976, S. 360ff.;
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Tragödie der Deutschen Luftwaffe. Aus den Akten und Erinnerungen von
Feldmarschall Erhard Milch, Taschenbuchausgabe, Frankfurt, Berlin, Wien 1975, S.
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S. 4 u. 23f.;
K. H. Völker, Die deutsche Luftwaffe 1933-1939.
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deutschen Luftkriegstheorie, Stuttgart 1967, S. 69; G. Wissmann, Geschichte der
Luftfahrt von Ikarus bis zur Gegenwart, Eine Darstellung der Entwicklung des
Fluggedankens und der Luftfahrttechnik, 4. Aufl. Berlin 1975, S.
389ff.
[58] ZuP 001/010; ZuP 004/002;
ZuP 017/008;
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der Computerentwicklung, in
Czauderna, Anm. 55, S. 97ff
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H. Schreyer,
Schaltung von Glimmlampe und Elektronenröhre als Röhrenrelais,
Patentanmeldung 19. Nov. 1940;
H. Schreyer, Das Röhrenrelais und
seine Schaltungstechnik, Diss. TH Berlin 1941, Mikrofilm, Bibliothek der TU
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Kombinationsspeicherwerkes, Patent 937170, 29. Dez. 1955;
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in:
H. Cremer (Hg.), Probleme der Entwicklung programmgesteuerter
Rechengeräte und Integrieranlagen, Aachen 1953, S. 55-59;
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Computer, Anm. 55, S. 70ff., 80ff.
[59] ZuP 014/000; ZuP 014/004;
ZuP 014/008;
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Vortrag, gehalten in der 9. Wissenschaftssitzung der Ordentlichen Mitglieder am
12. Dez. 1941 mit Aussprache, Sitzungsperiode 1941/42, Schriften der Deutschen
Akademie der Luftfahrtforschung H. 49, Berlin 1942, S. 39;
Zuse, Der
Computer, Anm. 55, S. 84.
[60] ZuP 017/014; ZuP 020/001;
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[61] ZuP 030/002;
K.
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Zuse, Der Computer, Anm. 55, S. 41 u. 56f.
[62] ZuP 014/001; ZuP 014/005;
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[63] ZuP 017/005; Liste der
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[64] Mathematical tables and
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ZuP 010/014; ZuP 010/015; ZuP 010/030; ZuP 017/008.
[65] Tagung in
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Anm. 2; T. Fromme, Eine Bemerkung zum Thema Schachmaschine, ZAMM 30.
1950, S. 293f.; T. Fromme, H. Pösch, H. Wittig, Modell eines
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42-46.