Wir haben nun endlich Eure ausführlichen Briefe bekommen vom 22.11.45 vom Cottbusser Tor und wissen nun, dass auch unsere Briefe in Eure Hände gelangen. Da ist es an der Zeit, einmal ausführlich über die Erlebnisse der letzten Monate zu berichten.
Als wir Ende Februar Berlin verliessen, taten wir dies ja nicht ganz ohne ein schlechtes Gewissen, denn es war ja vorauszusehen, dass Berlin sehr schweren Tagen entgegen ging, und wir Euch dort allein liessen. Aber ich glaube, dass ich als junger Mann vom Jahrgang 1910 wohl kaum Gelegenheit gehabt hätte, Euch viel zu helfen, denn meine Einziehung zum Volkssturm oder zur Wehrmacht wäre wohl sicher gewesen. Wir haben mit Erschütterung gelesen, was Ihr alles durchgemacht habt und sind andererseits erfreut, dass Ihr doch noch verhältnismässig gut davon gekommen seid.
Aus unserer ersten Göttinger Zeit haben wir ja noch Nachricht geben können. Kurz vor Ostern war ich mit der Aufstellung des Gerätes fertig und konnte vor den Professoren der AVA die Maschine einwandfrei arbeitend vorführen. Es war dies der Moment, auf den ich etwa 10 Jahre gewartet hatte, wo meine Arbeit endlich den gewünschten Erfolg brachte. Es war nun sehr tragisch, dass genau in diesen Tagen die Amerikaner bereits vor Kassel standen. Funk kam mit einem Lastwagen angerückt und erklärte sich bereit, uns alle und das Gerät irgendwo in den Südharz zu bringen. Da mir das Schicksal Göttingens unbekannt war und ich es für richtiger hielt, die Krisis nicht gerade in einer Stadt zu erleben, entschloss ich mich schweren Herzens das eben mit Mühe aufgebaute Gerät wieder abzubauen, in aller Eile zu verpacken und mit der ganzen Belegschaft abzurauschen.
Wir kamen zunächst nach Katlenburg, einem kleinen Dörfchen bei Northeim. Schliesslich fanden wir auch in einem Nachbardorf herrliche Quartiere bei Bauern mit dicken Pantoffeln und Gasthäusern mit fettem Essen. Auch das Gerät hätten wir gut unterstellen können. Aber der Amerikaner war hier nur noch 30 km entfernt und da wir immer noch an ein Wunder glaubten, kamen wir uns in unserer Lage so halb als Deserteure vor. Ich setzte mich aufs Rad und nach einer Tagesfahrt durch Regen fand ich eine Dienststelle, die so tat, als wenn sie noch Verwendungsmöglichkeit für uns hätte. Wir sollten unser Gerät auf einen Güterzug verladen mit unbekanntem Ziel. Ich rief meine Leute zusammen und erklärte ihnen, dass wir eine Fahrt ins völlig Ungewisse vor uns hätten, wir entweder die Möglichkeit hätten, hier in diesem Dorf uns dem Feinde zu ergeben, oder mit unbekanntem Ziel bis zum letzten auf unseren Posten zu stehen. Wir wählten geschlossen den letzteren Weg. Herr Funk setzte es dann noch durch, dass wir unseren Lastwagen behalten konnten, 1000 l Dieselöl erhielten und einen Fahrtbefehl nach Oberammergau für die ganze Gruppe. So nahm denn unser Zigeunerleben unseren Fortgang. Zunächst ging es nach Stollberg/Harz, wo wir in einem Lokal auf Bänken und Tischen übernachteten. Dann ging es auf zunächst Richtung Thüringen. Wir fuhren Nebenstrassen, da die Hauptstrassen von Tieffliegern dauernd kontrolliert wurden. In einem Dörfchen (Königshaven) machten wir einen Tag Rast, da wir auf einem Bauernhof prima verpflegt wurden und uns nach der knappen Göttinger Zeit endlich einmal wieder satt essen konnten. Auch erwischten wir dort gerade eine Sonderzuteilung in Gestalt von mehreren Büchsen Fleisch und Speck. Nun beschlossen wir auf der Reichsautobahn nachts möglichst weit nach Süden vorzustossen. Es war dies eine grauenvolle Fahrt. Zu beiden Seiten der Autobahn brennende Städte und Bombenangriffe. Auf der Autobahn selbst brennende Wracke und Hindernisse aller Art. Eine Unmenge von Landsern und anderen Personen belagerten die Fahrzeuge und wollten mitgenommen werden. Ich sass mit Herrn Overhoff, der sich uns in Stollberg angeschlossen hatte, hinten auf dem Anhänger als wir wieder einmal angehalten wurden. Da kam ein Lastwagen in voller Fahrt von hinten auf uns zugefahren ohne uns zu sehen. Herr Overhoff glaubte, sich retten zu müssen und sprang vom Wagen. Da wich der Lastwagen in letzter Sekunde aus und erfasste Herrn Overhoff gerade im Augenblick des Springens. Er blieb schwer verletzt liegen. Wir hatten nun noch die schwere Sorge, einen Schwerverletzten in unserem, hierzu völlig ungeeigneten Fahrzeug, zu transportieren. Herr Overhoff wollte durchaus die Fahrt fortsetzen, um zu seiner Familie in Österreich zu gelangen. Unterwegs wurden seine Schmerzen jedoch so stark, dass wir uns entschlossen, ihn in einem Lazarett abzusetzen. Dies war jedoch nicht einfach. Während wir noch auf der Suche waren, kam bereits Alarm ,,Feindannäherung``, wodurch unsere Lage noch schwieriger wurde. Schliesslich kamen wir bis Hof und konnten Herrn Overhoff dort in einer Klinik absetzen. Fliegeralarm nötigte uns, sofort die Stadt zu verlassen und wir sind mit knapper Not Tiefangriffen entgangen. Herrn Overhoff konnten wir in seinem Zustand nicht weiter mitnehmen. Ein Freund von ihm, der sich uns angeschlossen hatte, blieb bei ihm. Es ist den beiden dann in den folgenden Tagen doch noch gelungen, sich nach Süden durchzuschlagen, trotzdem Herr Overhoff mehrfachen Beckenbruch hatte. Wir fuhren dann nur noch nachts und versuchten tagsüber irgendwo zu schlafen, so gut es ging. Manchmal fanden wir ein Bett, manchmal auch nur eine Bank. Auch München passierten wir nachts. Dann ging es in derselben Nacht noch in die Berge, am Starnberger See vorbei kamen wir nach Murnau. Es goss in Strömen. Hier stellten wir erst einmal fest, dass sich sämtliche Dienststellen in völliger Auflösung befanden und dass irgendein Einsatz oder geregelte Unterkunft wie wir es bei unserer Abfahrt noch leise erhofft hatten, nicht mehr zu denken war. Murnau und Oberammergau waren zum Platzen überfüllt. Flüchtlinge von allen Seiten. Die Ernährung schlecht. Hier stellten wir auch fest, dass die Oberbayern ein Menschenschlag für sich sind. Während wir auf der bisherigen Fahrt oft rührendste Anteilnahme gefunden hatten und überall einer dem anderen half wie er konnte, stiessen wir in Oberbayern auf schroffste Ablehnung seitens der Bevölkerung. Irgendein Verständnis für unsere Lage war nicht zu erwarten. Es wurde uns klar, dass wir mit unserem Ehrgeiz, bis zum letzten auf unserem Posten zu stehen, die Dummen gewesen waren. Ziemlich planlos irrten wir noch ein paar Tage in Oberbayern als Zigeuner herum. Die herrliche Landschaft passte wenig zu unserer Stimmung. Ein paar schöne Tage konnten wir dann noch in einem Alpenhotel bei erstklassiger Wehrmachtsverpflegung verbringen. Auch hatten wir dort gute Unterkunft, so dass wir uns von den Strapazen wieder etwas erholen konnten. Die Dienststellen wollten uns auf elegante Art los werden und uns in ein Massenquartier in der Nähe von Schongau abschieben. Vielleicht wäre das nicht so schlecht gewwesen, denn wir hätten dann zu den Leuten gehört, die als Wissenschaftler geschlossen nach den USA gekommen sind, aber so etwas konnte damals keiner voraussehen. Und so machten wir uns dann selbständig und suchten auf persönliche Empfehlung eines Bekannten von Funk hier in Hinterstein Zuflucht, wo wir sicher waren, dass bestimmt keine Kämpfe mehr stattfinden würden. Inzwischen waren uns bereits von unserem Anhänger in einer Kaserne unsere sämtlichen vier Fahrräder gestohlen worden. Aber sonst waren wir noch alle beieinander und die Sachen waren noch heil. Die Unterkunft in Hinterstein war äusserst schwierig, aber mit List und Frechheit löste Herr Funk auch dieses Problem. Das Gerät konnten wir unauffällig in einem Schuppen unterstellen. Gleichzeitig mit uns war eine Gruppe von SS-Leuten nach Hinterstein gekommen und hatte dort Quartier gemacht. Die Bevölkerung brachte uns unwillkürlich mit diesen Leuten in Verbindung, wodurch die an sich schon schroffe Ablehung noch schärfer wurde, aber schliesslich konnten wir unsere Quartiersleute beruhigen und unsere Harmlosigkeit einigermassen glaubhaft machen. Mein Gerät spukt allerdings heute noch bei der Hintersteiner Bevölkerung als mysteriöse Höllenmaschine herum. Die nächsten Tage (Ende April) brachte nun das traurige Bild der Auflösung des deutschen Heeres. Das Dorf wurde von Soldaten überflutet. Der Rückzug fand hier ein natürliches Ende. Der auf dem Posten war, konnte sich reichlich mit Lebensmitteln eindecken. Auch ich habe etwas Erbsen organisiert und bin ein andermal 10 km weit so schwer beladen wie noch nie in meinem Leben von einer Organisationstour zurückgekommen. Dabei gelang es mir auch noch, einige Kartoffeln zu organisieren, die es sonst in der Gegend überhaupt nicht gab. Auch wurde als Sonderzuteilung pro Person 7 Pfd. Schweizerkäse ausgeteilt. Ohne diese Zusatzverpflegung wäre es uns in der folgenden Zeit übel ergangen und ich hätte Gisela in ihrem Zustand bestimmt nicht ausreichend ernähren können. Entgegen unseren Berechnungen wurde der Landkreis Sonthofen zunächst von franzosischen Truppen besetzt. Wir blieben zunächst ohne Besatzung. Eines Tages rückten jedoch 300 Marokkaner im Dörfchen ein, angeblich mit der Aufgabe, die Berge von der SS zu säubern. Sie sind jedoch nie weiter in die Berge gekommen als man mit dem Auto fahren kann und hatten anscheinend nicht viel mehr zu tun als zunächst ihre amerikanische Verpflegung aufzufressen und dann als diese gesperrt wurde, sich an die örtlichen Lebensmittelvorräte zu halten und das Vieh abzutransportieren. So kam eine sehr harte Zeit für uns. Die Lebensmittelzuteilungen waren äusserst knapp (800 Kalorien pro Tag). In den Lokalen gab es nichts zu essen. Das bisschen, was wir organisiert hatten, konnten wir wegen Ermangelung eines Herdes nicht kochen und waren auf die Gnade unserer Wirtsleute angewiesen, einmal ein Töpfchen mit auf den Herd stellen zu dürfen. Damals hiess es, die Berliner würden glänzend verpflegt und wir bedauerten alle die Fahrt nach Oberbayern angetreten zu haben.
Auch ansonsten ging die Besatzungszeit nicht ganz glatt ab. Wir schwebten in dauernder Gefahr, nach Frankreich abtransportiert zu werden. Jedoch wurde unser Gerät nicht entdeckt und die Sache lief in dieser Beziehung günstig ab. Unseren Lastwagen hatten wir zunächst immer noch zu unserer Verfügung und Herr Funk versuchte, mit Herrn Quast zusammen, Lebensmitteltransporte für die Bevölkerung von Hinterstein zu organisieren. Hierfür hatte er sich eine Bescheinigung des Panzerkommandanten beschafft. Dieser wurde jedoch über Nacht durch eine Horde wilder Marokkaner abgelöst, denen Funk und Quast ahnungslos in die Hände fielen. Sie wurden daraufhin kurze Zeit verhaftet. Bei Funk wurde Haussuchung gemacht, aber im übrigen verlief alles glatt und den Wagen waren wir natürlich los.
Die Hintersteiner Besatzungstruppen waren verhältnismässig anständig. Die Marokkaner zeigten sich sehr deutschfreundlich und benahmen sich anständig gegen die Bevölkerung. In unserem Dorf haben sie nichts geplündert. Jedoch wurden gegen Ende der Besatzung von den Franzosen Haussuchung und Requisitionen vorgenommen, bei denen hauptsächlich Lebensmittel requiriert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Werkstatt, in der das Gerät stand, geplündert. Das Gerät blieb jedoch unbeachtet und unversehrt. Jedoch sind eine Reihe von Privatsachen und wertvolles Werkzeug abhanden gekommen.
Schliesslich kam der heissersehnte Tag, an dem die französische Besatzung abrückte (6. Juli). Man konnte sich jetzt etwas freier bewegen, jedoch blieb die Lebensmittellage zunächst noch gespannt. Nachdem unsere Vorräte aufgezehrt waren, gingen wir zu verschiedener Ersatznahrung über. Ich suchte Schnecken, Brennesseln und Löwenzahn, woraus ich mir von Gisela ein Abendessen bereiten liess. Eines Abends habe ich aber 30 grosse Schnecken auf einmal gegessen, wonach mir die Sache doch über wurde, worauf ich dann weitere Schneckenjagden unterliess. Auch lohnte es sich, die Hintersteiner Misthaufen zu durchsuchen, von wo ich verschiedene Rucksäcke voll Kartoffeln und einmal 7 Büchsen Gemüse und verschiedenes anderes organisiert habe. Die Gemüsebüchsen zischten zwar schon beim Aufmachen, haben uns aber trotzdem geschmeckt. Ihr seht also, dass auch wir nahrungsmässig schwere Zeiten haben durchmachen müssen.
Ganz allmählich setzte gegen Ende Juli eine Besserung ein. Nach Gemüse bin ich morgens um 5 Uhr aufgestanden, 7 km nach Hindelang gelaufen, dort mehr als 3 Stunden gestanden und habe dann 3 kleine Köpfe Blumenkohl mit nach Hause gebracht. Allmählich wurde es aber besser. Ende August kamen genügend Kartoffeln heran, so dass man - wenn man auf dem Posten war - sich so viel Kartoffeln organisieren konnte - wie man wollte. Auch Weisskohl gab es in genügender Menge. Aber damals hofften wir immer noch, zum Winter aus Hinterstein herauszukommen.
In geschäftlicher Beziehung hatte die amerikanische Besatzung uns zunächst nicht das gebracht, was wir erwartet hatten. Vielleicht lag es auch daran, dass sich Herr Funk mit eigenen Ideen befasste und sich nicht genügend hinter meine Sache klemmte. Es ist dies ein Kapitel für sich. Gleich nach dem Abzug der Franzosen erkundigten sich zwar zwei englische Offiziere eingehend nach meiner Sache und haben einen Bericht nach London gegeben, jedoch hat sich bis heute noch nichts daraus ergeben. Ich selbst konnte mich um meine Sache nicht kümmern, denn ich wolte Gisela nicht allein lassen und hatte auch nicht Lust, meine Sache wie Sauerbier anzubieten. Herr Funk hielt sich an einen mysteriösen Herrn, der immer behauptete, ehemaliger KZ-Häftling zu sein und uns goldene Berge versprach. Im Zusammenhang hiermit sind dann hier in Hinterstein allerhand dunkle Geschichten mit dunklen Gestalten passiert, an denen Herr Funk zum Teil beteiligt zum Teil unbeteiligt war. Jedenfalls wurden die Aussichten, rechtzeitig hier wegzukommen, immer trüber, so dass wir uns schliesslich entschlossen, doch hier zu überwintern, da ich mit Gisela ab Oktober nicht mehr umziehen konnte. Die nächste Sorge war die Beschaffung eines geeigneten Winterquartiers. Das Haus, in dem wir wohnten, war durch Wehrmachtsrückkehrer überfüllt und man komplimentierte uns sanft hinaus, wenn auch die Behandlung an für sich anständig war. Wir bekamen zunächst ein Zimmer im Hause zweier hysterischer oller Schrullen zugewiesen. Sie drohten uns täglich mit ihrem Bruder, der zur Zeit noch auf der Alm wäre, nach seiner Rückkehr aber unseren Aufenthalt im Hause unmöglich machen würde. Der Bruder sei angeblich verrückt, wäre gewalttätig und ähnliches Zeug. Gisela wurde grün und blau vor den Augen, mich störte das ja weniger, aber das Zimmer gefiel mir auch sonst nicht. Wir kriegten zwar bald heraus, dass weniger der Bruder, sondern eher die ollen beiden Tanten einen Knacks haben. Aber um den dauernden Scherereien aus dem Weg zu gehen, machten wir uns abermals auf die Wohnungssuche. Durch Zufall gelang es uns dann auch, unser jetziges Quartier ausfindig zu machen, wo wir erstmalig in Oberbayern nicht als widerliche Eindringlinge behandelt wurden. Das liegt wohl daran, dass Frau Tannheimer nicht aus Hinterstein ist und Herr Tannheimer in Bezug auf Menschenfreundlichkeit auch eine verhältnismässige Ausnahme in dieser Gegend darstellt. Er ist nicht nur Landwirt, sondern auch Kunstmaler und Skilehrer. Sie betätigt sich ebenfalls kunstgewerblich. Diese unsere 5. Wohnung nach einhalbjähriger Ehe konnte nun endlich zu etwas wie ein kleines Heim für uns werden. Das Zimmer ist sehr nett eingerichtet und unsere Wirtsleute helfen uns, wo es angeht.
Nun ging die Sorge für den Winter los. Zunächst wurde die Ernährungsfrage gelöst. Die nötigen Kartoffeln und Kohlrüben gelang es mir noch herbeizuschaffen, wenn wir Kartoffeln auch noch etwas mehr gebrauchen könnten, denn wir werden voraussichtlich bis in den Juli hinein damit reichen müssen und seit August habe ich es mir angewöhnt, mir die fehlenden Kalorien in Form von Kartoffeln in den Bauch zu schlagen (Gisela staunte anfangs bloss immer, hat sich das aber inzwischen abgewöhnt). Mit Sauerkraut haben wir Pech gehabt. Man hatte uns ein ganzes Fass versprochen, das Versprechen aber nicht gehalten. Weiterhin habe ich an Esswaren noch fleissig Himbeeren und Pilze gesucht. Erstere wurden natürlich sofort gegessen. Die Pilze haben wir zum Teil getrocknet. Auch Äpfel hatten wir etwa 1-2 Zentner organisiert. Zunächst bestand die Beschaffung darin, dass wir systematisch die ,,Äppel-Alleen`` absuchten. Am besten ging dies morgens um 5 Uhr. Gisela und ich sind abwechselnd früh aufgestanden und mit 10 Pfd. Zurückgekommen. Später gab es aber auch reichlich Äpfel zu kaufen. Andere Obstsorten kriegten wir allerdings nie zu sehen.
Nach Klärung der Wohnungs- und Ernährungslage war die dritte Hauptsorge das Heizungsproblem. Ich nutzte die letzten schönen Herbsttage aus, um fleissig Holz herbeizuschaffen. Wenn man sich die Mühe macht, eine Stunde weit zu gehen und 100-200 m aufwärts zu klettern, findet man hier Brennholz so viel man haben will. Nur der Transport ist ein Problem. Ich habe dann oben Riesenholzbündel zusammengebunden und diese lawinenartig den Berg herunterrollen lassen. So habe ich etwa 3 Raummeter Astholz herbeigeschafft. Die offizielle Holzzuteilung beträgt 2 Raummeter, diese wurden von mir zusammen mit Herrn Quast und Herrn Gösele 10 km talaufwärts in Gestalt einer Buche gefällt. Bei dem hiesigen Tarif haben wir uns ausgerechnet, dass wir etwa (unlesbar im Original) wären.
Die Verpflegung in dem in der Nähe befindlichen Berghotel kostete RM 6,- pro Tag. Wenn ich also auf die Weise mein Brot verdienen sollte, so wäre das mit Schwierigkeiten verknüpft. Allerdings war unser Fall auch besonders schwierig. Es waren drei zusammengewachsene Stämme am Steilhang. Mit fachmännischen Kenntnissen war hier nicht viel zu machen. Nur mit äusserster List und Tücke ist es uns gelungen, die Buche doch noch klein zu kriegen. Zum Sägen mussten wir uns anseilen und wir waren hierbei in ziemlicher Lebensgefahr. Wir hatten den Eindruck, dass alle geschulten Holzfäller diese Buche bewusst hatten stehen lassen und uns beliebten Eindringlingen diese dann überlassen worden war. Jetzt steht das Holz geschlagen oben und es fehlt mir noch eine Transportmöglichkeit. Pferde sind hier knapp und dann natürlich in erster Linie für die Einheimischen da, während der Evakuierte zusehen muss, wie er sein Holz herbeischafft. Aber auch das Problem wird gelöst werden.
Die vierte Hauptsorge war nun unser Krümelchen. Hierzu hatte Gisela schon monatelang vorher angefangen, Windeln, Jäckchen und ähnliche Scherzartikel zu nähen. Stoff hierzu hat sie sich irgendwie organisiert. Auch lebten wir uns allmählich hier ein und konnten feststellen, dass es auch hier in Oberbayern verschiedene nette Menschen gibt. Wie wir schon schrieben, hat z.B. Prinzessin Bohna von Bayern, die zusammen mit Prinz Konrad von Bayern uns gegenüber in einem Jagdhaus wohnt, für unser Kleinchen ein Jäckchen und Schuhchen gehäkelt. So hatten wir also die Aussteuer für den Kleinen. Dazu kam eine Spende aus einer Kleidersammlung. Desweiteren hatte ich gute Beziehungen zum hiesigen Tischler angeknüpft, welche mir ein Kinderbettchen einbrachte. Ansonsten suchte ich Gisela nach Möglichkeit zu entlasten und nahm ihr den Einkauf im entfernten Hindelang vollständig ab. Durch all diese Sorgen und Arbeiten bin ich natürlich zu beruflicher Arbeit in letzter Zeit wenig gekommen, und wir hätten sehr gut eine Hilfe gebrauchen können.
Am 17.11.45 war es dann so weit. Schon am Vorabend klagte Gisela über leichte Schmerzen, meinte aber, es sei noch nicht so weit. Gegen Morgen wurde die Situation dann aber klar und ich rief in aller Frühe die Hebamme an, die Gisela mit dem Auto zum Krankenhaus brachte. Der Transport klappte gut. Es war aber auch höchste Zeit. Um 11:25 Uhr war der kleine Horst dann da, während ich in aller Ruhe in Hinterstein spazieren ging.
Während Gisela noch im Krankenhaus lag, habe ich unsere Bude auf den Kopf gestellt und aus dem einen Zimmer eine 2-Zimmer-Wohnung gemacht. Jetzt haben wir unser gemütliches Ofeneckchen und auch Krümelchen hat sein angemessenes Plätzchen. Er kräht, wenn es ihm Spass macht - oder wenn er Hunger hat, das ist oft der Fall. Manchmal weckt er uns schon nachts um 1/2 3 Uhr. Aber bis jetzt hat ihn Gisela immer noch satt bekommen und auch die Kälte (wir haben hier inzwischen schon annähernd Kälte und 30 cm Schnee) scheint ihm nicht gefährlich zu werden. Im übrigen benimmt er sich durchaus nicht salonfähig. Gisela hat zu tun, die Riesenmengen von Windeln trocken zu kriegen, da draussen alles friert, müssen wir sie auch im Zimmer trocknen.
Die nächste Hauptsorge ist nun das Geldproblem. Mit grossem Bedauern habe ich aus Euerem Brief gelesen, dass Ihr in Berlin ohne Geld dasitzt. Das ist ja nun wirklich bitter, aber im Augenblick kann ich Euch auch nicht helfen, aber ich habe die Hoffnung, Euch vielleicht doch im Laufe des nächsten Jahres etwas unterstützen zu können. Mir war es gelungen, in letzter Minute in Göttingen noch 2000,- RM von der Bank abzuheben. Hiervon habe ich dann noch einige geschäftliche Ausgaben bestritten und im übrigen davon gelebt. Allmählich geht unser Bestand jedoch auch zu Ende und Einnahmen aus meiner bisherigen Tätigkeit sind zunächst nicht zu erwarten. So habe ich dann, angeregt durch die kunstgewerbliche Tätigkeit unserer Wirtsleute, wieder meine früheren künstlerischen Talente ausgebuddelt. Die Materialfrage war das Schwierigste. Zunächst habe ich Frau Tannheimer geholfen, Blumenbildchen in Öl zu malen. Schliesslich habe ich mir dann das notdürfstigste Material für Holzschnitte beschafft. Ich bin nun dabei, von dieser Gegend einige Holzschnitte anzufertigen und versuche sie abzusetzen. Wie das Geschäft ausgehen wird, ist heute noch nicht zu übersehen. Bis jetzt habe ich 100,- RM bis 200,-RM eingenommen, aber es sieht so aus, als wenn es möglich sein wird, über Münchner Verleger grössere Abschlüsse zu machen. Wenn das klappt, können vielleicht eines Tages auch nach Berlin Bilder geliefert werden, so dass ich Euch von den Einnahmen etwas zukommen lassen könnte. Vielleicht erkundigt Ihr Euch einmal, wie die Absatzmöglichkeiten in Berlin für derartige Artikel sind. Allerdings werden bis dahin noch eine Reihe von Schwierigkeiten zu überwinden sein. Alles in allem sehe ich jedoch zuversichtlich in die Zukunft. Das Geld für die Neugründung meiner Firma aufzutreiben, wird jedoch schwierig sein. Grohmanns können mir im Augenblick nicht helfen, da sie ihr Kapital auf Berliner Bankkonten liegen haben.
Euere Berliner Nachrichten sind mir ein Grund mehr, die Fa. Zuse-Apparatebau wieder auf die Beine zu bringen. Ich sehe doch, dass damit vielleicht vielen geholfen wäre. Wie weit allerdings eine Wiederaufnahme der Arbeit in Berlin ratsam ist, möchte ich erst abwarten. Die hohen Herren sollen sich am Konferenztisch erst einmal über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands einig werden. Es wäre natürlich mein Ideal in Deutschland für das Ausland Geräte zu bauen, aber es fragt sich, ob das technisch überhaupt bald möglich sein wird. Einfach nach England oder Amerika zu gehen und Euch hier ganz im Stich zu lassen, ist nicht mein Ideal. So kann ich Euch denn zunächst nur bitten, weiterhin Euch erst einmal durchzuschlagen bis klarere Verhältnisse vorliegen.
Meine Arbeitsgruppe hat sich inzwischen aufgelöst. Wir sind hier allein zurückgeblieben. Von meinen bisherigen Leuten werde ich voraussichtlich nur Herrn Lohmeyer, Herrn Quast und evtl. Herrn Brettschneider weiter beschäftigen. Einen neuen Organisator würde ich bestimmt auch finden. Von den in Berlin verbliebenen Leuten würde ich selbstverständlich die eingearbeiteten Kräfte wie Herrn Nitsch und Herrn Reusner ebenfalls gut gebrauchen können.
Wir hoffen nun, mit diesem ausführlichen Bericht Eure Wissbegierde befriedigt zu haben. Hoffentlich bekommen wir von Euch auch recht viel zu erfahren. Zu erwähnen ist noch, dass ich im Sommer kaum dazu gekommen bin, auf die umliegenden Berge zu klettern, zunächst wegen der schlechten Ernährung, dann wegen der knappen Zeit. Auch jetzt habe ich so viel zu tun, dass ich nicht dazu komme, Wintersport zu treiben. Skier könnte ich hier zwar bekommen, aber es fehlen mir die nötigen Schuhe. Ich habe mir zwar in den letzten Apriltagen ein Paar schöne Stiefel organisiert, diese sind aber zum Skilaufen zu schade, da sie mein letztes Kapital auf diesem Gebiet darstellen. Auch Gisela ist so mit dem Kleinen beschäftigt, dass sie nicht zur Besinnung kommt. Wenn sie mal zufällig nicht Windeln wäscht, Essen kocht und den Kleinen stillt, dann schreibt sie Briefe für Euch. So geht denn unser Alltag rasch dahin. Alles in allem fühlen wir uns aber trotz der schlechten Zeiten glücklicher als bisher. Unser Kleinchen macht uns von Tag zu Tag mehr Freude. Es ist doch etwa ganz anderes ein glücklicher Familienvater zu sein, als nur immer im Kino zuzusehen, wie es andere sind.
So hoffen wir dann, dass auch Euch in Berlin einmal wieder die Sonne scheint und Ihr noch ein paar schöne Jahre verleben könnt.
Es grüssen Euch herzlichst
Eure Kinder
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